Neue Studie zeigt erstmals umfassend, wie die soziale Herkunft Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt
Eine neue Studie analysiert erstmals umfassend, wie soziale Herkunft den
gesamten Bildungsverlauf beeinflusst. Die Autoren unterscheiden dabei
zwischen den Einflüssen von Armut, Bildungsniveau und beruflichem Status
der Eltern und messen deren Einfluss auf Kompetenzniveaus,
Bildungsentscheidungen und Leistungsbeurteilungen.
So kann genauer als
bisher untersucht werden, wann soziale Ungleichheiten entstehen, wo sie
sich fortsetzen, verstärken oder verringern. Die neue Veröffentlichung mit
Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) identifiziert Quellen der
Ungleichheit im Bildungsverlauf und liefert damit einen grundlegenden
Beitrag zur Debatte, wie Bildung gerechter gestaltet werden kann.
Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass soziale Bildungsungleichheiten
sehr früh einsetzen und lange stabil bleiben. Die Studie erstellt dabei
keine Momentaufnahme, sondern analysiert, wie sich früh entstehende
Ungleichheiten langfristig entwickeln. Die Autor:innen, Prof. Dr. Marcel
Helbig, Dr. Claudia Karwath und Prof. Dr. Corinna Kleinert vom
Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), blicken dabei nicht allein
auf eine Dimension sozialer Herkunft, sondern auf kulturelle, soziale und
finanzielle Ressourcen. Anders als in vorherigen Studien untersuchen sie
nicht nur ein Bildungsergebnis, sondern (1) die Entwicklung
unterschiedlicher Kompetenzen, (2) Bildungsentscheidungen zu
unterschiedlichen Zeitpunkten und schließlich (3) die Beurteilung von
Schüler:innen durch Lehrkräfte. Ein besonderer Fokus liegt auf den
Übergängen zwischen einzelnen Bildungsetappen. Diese Scharnierstellen im
Bildungssystem bilden einen besonderen Nährboden für die Verfestigung von
Ungleichheiten, bieten jedoch gleichzeitig Ansatzpunkte für deren
Beseitigung.
Kompetenzunterschiede durch soziale Herkunft: Früher Beginn, lange
Stabilität
Bereits in den ersten Lebensjahren von Kindern zeigen sich deutliche
Unterschiede bei der Nutzung frühkindlicher Betreuungsangebote, die auf
die verschiedenen Faktoren der sozialen Herkunft zurückzuführen sind.
Während im zweiten Lebensjahr vor allem Eltern mit hohem beruflichem
Status ihre Kinder außerfamiliär betreuen lassen, gewinnt im dritten und
vierten Lebensjahr das Bildungsniveau der Eltern an Bedeutung. Kinder aus
Familien mit niedrigem Bildungsniveau nehmen vor dem vierten Lebensjahr
seltener an frühkindlicher Betreuung teil.
Auch bei den Kompetenzen zeigen sich früh Unterschiede: Schon im
Kleinkindalter unterscheiden sich Wortschatz sowie frühe mathematische und
naturwissenschaftliche Fähigkeiten systematisch nach der sozialen Herkunft
und vergrößern sich bis zum Schuleintritt. Diese Ungleichheiten setzen
sich im weiteren Bildungsverlauf fort, etwa auch beim Lesen sowie bei
computerbezogenen und digitalen Kompetenzen. Insgesamt bleiben die
Unterschiede über die Schulzeit hinweg weitgehend stabil. So gehören am
Ende der Grundschule nur 12 % der Kinder aus unteren sozialen Schichten zu
den leistungsstärksten Schüler:innen in Mathematik, aber 40 % der Kinder
aus hohen sozialen Schichten.
Die Rolle der Eltern und der Lehrkräfte für den Übertritt aufs Gymnasium
Besonders deutlich werden soziale Ungleichheiten bei schulischen
Bewertungen und Übergangsentscheidungen. Hier bleibt der Vorsprung von
Kindern aus Familien mit hohen finanziellen Ressourcen und hohem Berufs-
und Bildungsstatus bestehen. Ein Teil dieser Unterschiede lässt sich durch
unterschiedliche Kompetenzniveaus erklären. Allerdings bleiben auch bei
gleichen Kompetenzen deutliche Herkunftseffekte bestehen.
Der berufliche Status und das Bildungsniveau der Eltern beeinflussen den
Übergang auf das Gymnasium dabei in mehrfacher Hinsicht. So erhalten
privilegierte Kinder bei vergleichbaren Kompetenzen häufiger bessere Noten
als Kinder aus Familien mit sozial niedrigem Status. Ähnliche
Bewertungsunterschiede durch Lehrkräfte lassen sich auch bei den
Übertrittsempfehlungen feststellen. Kinder von Eltern mit niedrigem
beruflichem Status und niedrigem Bildungsniveau werden auch bei gleichen
Kompetenzen und gleichen Noten seltener für das Gymnasium empfohlen als
Kinder aus Familien mit hohen Niveaus. Unabhängig von der Empfehlung
melden Familien mit hohem Sozialstatus ihre Kinder zudem häufiger am
Gymnasium an.
Hauptschulabschluss trotz hoher Kompetenzen: Verletzung des
Leistungsprinzips
Im weiteren Verlauf der Sekundarstufe bleiben die sozialen Unterschiede
beim Gymnasialbesuch weitgehend bestehen. Zwar verringern sich am Übergang
zur Sekundarstufe II teilweise die Unterschiede zwischen mittleren und
hohen sozialen Schichten, dennoch erreichen Jugendliche aus privilegierten
Familien deutlich häufiger die (Fach-)Hochschulreife. Am Ende der
Schulzeit hat nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen
Schichten eine Studienberechtigung erzielt, gegenüber mehr als drei
Viertel aus hohen sozialen Schichten – und dieser Unterschied ist nur
teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen. Jugendliche mit
niedriger Bildungsherkunft und aus armen Familien haben – bei gleichen
schulischen Kompetenzen – zudem ein höheres Risiko, maximal einen
Hauptschulabschluss zu erreichen.
„Dies widerspricht“, so Prof. Dr. Marcel Helbig, Bildungssoziologe und
Mitautor der Studie, „dem meritokratischen Leistungsprinzip, nach dem
Bildungszertifikate auf tatsächlich erworbenen schulischen Kompetenzen
basieren sollen.“
Migrationshintergrund allein erklärt Benachteiligungen nicht
Ferner zeigt sich, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei
vergleichbaren sozialen Ausgangsbedingungen zwar niedrigere Kompetenzen
aufweisen, aber weder bei der Bewertung durch Lehrkräfte noch in ihren
Bildungsverläufen benachteiligt sind. Die Studie zeigt, dass Kinder mit
Migrationshintergrund vor allem aufgrund ihrer niedrigeren sozialen Lage
niedrigere Schulabschlüsse erwerben – und nicht wegen ihres
Migrationshintergrunds.
Lücke zwischen gewollter Chancengerechtigkeit und empirischer Realität
„Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg
beeinflussen“ zeichnet ein umfassenderes Bild von Bildungsungleichheiten
als es punktuelle Leistungsmonitorings wie PISA oder IQB-Bildungstrend
leisten können. Durch die Langzeitperspektive des NEPS ist es möglich,
entscheidende Phasen für ungleiche Bildungschancen aufzuzeigen und die
Lücke zwischen gewollter Chancengerechtigkeit und empirischer Realität zu
benennen.
Hintergrund der Studie
Möglich wird diese umfassende empirische Perspektive durch die Nutzung der
Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Das NEPS ist ein System eng
miteinander verzahnter Panelstudien, das Bildungsprozesse über lange
Zeiträume hinweg abbildet. Für die Studie von Helbig, Karwath und Kleinert
wurden die ersten vier NEPS-Startkohorten mit repräsentativen Stichproben
von Neugeborenen, Grundschulkindern, Schülerinnen und Schülern der
Sekundarstufe I sowie Jugendlichen im Übergang zur Sekundarstufe II
herangezogen und erstmals in diesem Umfang mit dem Fokus auf der
Entstehung von Bildungsungleichheiten analysiert. Dieses Vorgehen nutzt
die NEPS-Daten damit in herausragender Weise und unterstreicht den
analytischen Wert der über Jahre erhobenen Datensätze als Grundlage für
eine differenzierte, lebenslauforientierte Bildungsforschung, die neue
empirische Anhaltspunkte für die Diskussion um Chancengleichheit im
deutschen Bildungssystem liefert.
Die Studie wurde von der Unternehmerstiftung für Chancengerechtigkeit
gefördert und von Forschenden des Leibniz-Institut für Bildungsverläufe
(LIfBi) durchgeführt. Mehr zur Stiftung:
https://www.unternehmerstiftun
