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Archäologischer Rekord: Mehr als 43.000 beschriftete Tonscherben in Athribis entdeckt

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Athribis ist ergiebigster Fundort altägyptischer Ostraka – Beschriftete
Tonscherben eröffnen Einblicke in den Alltag über ein Jahrtausend hinweg –
Grabung unter Leitung der Universität Tübingen

In Athribis in Oberägypten ist der bislang umfangreichste Fund
beschrifteter Tonscherben weltweit dokumentiert worden. Mehr als 43.000
Ostraka wurden im Rahmen der gemeinsamen archäologischen Mission der
Universität Tübingen und des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und
Altertümer (MoTA) zwischen 2005 und 2026 geborgen – über 42.000 davon
allein in den vergangenen acht Jahren. Ostraka sind Tonscherben, die in
der Antike als Schreibmaterial genutzt wurden, meist für kurze und
alltägliche Notizen, Abrechnungen, Listen oder Übungstexte. Damit
übertrifft Athribis den bis dahin ergiebigsten Fundort für Ostraka, Deir
el-Medina, ein ehemaliges Arbeiterdorf im Tal der Könige.

Der archäologische Komplex Athribis liegt zehn Kilometer westlich des Nils
gegenüber der antiken Metropole Achmim und war das Kultzentrum der
Löwengöttin (Ta-)Repit. Er besteht aus dem Tempelbezirk, der Siedlung, der
Nekropole und Steinbrüchen. Die Ausgrabung in Athribis werden unter der
Leitung von Professor Christian Leitz vom Institut für die Kulturen des
Alten Orients (IANES), Abteilung für Ägyptologie der Universität Tübingen
in Kooperation mit Mohamed Abdelbadia und seinem Team vom MoTA
durchgeführt.

Ergiebige Quellen für die Sozialgeschichte eines Jahrtausends

Die frühesten Texte sind Steuerbelege aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. in
demotischer Schrift, der gängigen Verwaltungsschrift der Ptolemäer- und
Römerzeit. Die spätesten Texte sind arabische Gefäßbeschriftungen aus dem
9. bis 11. Jahrhundert n. Chr. „Die Ostraka zeigen uns eine erstaunliche
Vielfalt an Alltagssituationen“, sagt Leitz. „Wir finden Steuerlisten und
Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen
von Schülerinnen und Schülern, religiöse Texte und priesterliche
Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren. Diese Mischung macht
den Fund so wertvoll“, sagt Leitz. „Dieser Alltagsbezug eröffnet uns einen
unmittelbaren Blick in das Leben der Menschen von Athribis und macht die
Ostraka zu Quellen für eine umfassende Sozialgeschichte der Region.“

Der überwiegende Teil der Ostraka ist in demotischer Schrift verfasst,
gefolgt von einem beträchtlichen Anteil griechischer Inschriften. Einen
kleineren, aber bedeutenden Teil bilden figürliche und geometrische
Darstellungen. Hinzu kommen seltene Texte in hieratischer,
hieroglyphischer, koptischer und arabischer Schrift. Mit inzwischen mehr
als 130 überwiegend demotisch-hieratischen Horoskopen gilt Athribis zudem
als der weltweit bedeutendste Fundort dieser Textgattung. Die
Geburtsprognosen sind wichtige Quellen für die Erforschung der antiken
Astronomie und Astrologie.

Wachsende Grabungsflächen, steigende Fundzahlen

Der außergewöhnliche Umfang des Fundmaterials wurde seit 2018 sichtbar,
als westlich des Ptolemäus-XII.-Tempels eine 20 auf 40 Meter große
Grabungsfläche geöffnet und nach Südwesten erweitert wurde. Die Arbeiten
führten in eine großflächige, keramikreiche Deponie, die inzwischen in
Teilen zu einer Siedlungsgrabung übergegangen ist. Neben den Ostraka
treten auch immer mehr Lehmziegelbauten, Wohnräume und Magazinstrukturen
zutage.

Vor etwa drei Jahren wurde die Grabungsfläche noch einmal nach Westen
erweitert. Auf der so entstandenen Fläche von insgesamt 40 auf 40 Metern
westlich des Tempels wurden rund 40.000 Ostraka gefunden, täglich zwischen
50 und 100 Exemplare. Für jedes einzelne mussten Hunderte Scherben
umgedreht und geprüft werden. Weitere Ostraka stammen aus der Räumung
eines älteren Tempels, von dem vor 2022 nur der knapp 52 Meter breite
Torbau sichtbar war.

„Wir gehen davon aus, dass wir noch viel mehr Ostraka finden werden. Die
hohe und steigende Zahl der Objekte ist erfreulich, stellt uns aber auch
vor Herausforderungen“, sagt Leitz. So sei die vollständige
dreidimensionale Digitalisierung der mehr als 40.000 Scherben im lokalen
Magazin arbeitsintensiv und erfordere spezialisierte Ausstattung, hohe
Rechenkapazitäten und geschultes Personal. „Prinzipiell besteht die
Möglichkeit, die Digitalisierung und Katalogisierung der Ostraka durch die
Verwendung von KI-Systemen zu beschleunigen“, so Leitz, „der Aufwand, ein
System entsprechend zu trainieren und zu unterhalten wäre allerdings hoch,
wenn auch nicht ohne Reiz.“

„Die Funde von Athribis zeigen eindrucksvoll, welche Kraft in gemeinsamer,
langfristiger Forschung steckt. Aus unscheinbaren Tonscherben entsteht
durch Expertise, Geduld und Leidenschaft ein lebendiges Bild vergangener
Lebenswelten“, sagt Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der
Universität Tübingen. „Das Athribis-Projekt ist auch ein Erfolg der
langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Universität Tübingen und den
ägyptischen Partnerinstitutionen. Gemeinsam tragen wir Verantwortung für
den Erhalt und die Erforschung eines kulturellen Erbes, das weit über
nationale Grenzen hinaus Bedeutung hat. Diese Kooperation zeigt auch die
gemeinsamen Perspektiven für zukünftige Forschung.“