Zum Hauptinhalt springen

Ökolandbau ohne Tierhaltung? Geht kaum Wintertagung zum Ökologischen Landbau an der HfWU

Pin It

(hfwu) Es ist schon Tradition: Ende Februar treffen sich
Landwirte, Experten aus Verbänden, Wissenschaft und Politik an der
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen. Tierhaltung im
Ökolandbau war das Thema, ebenso aktuell wie kontrovers. Schon in der
Ankündigung war die zugespitzte Frage formuliert: „Brauchen wir überhaupt
noch Wiederkäuer?“ Dahinter verbarg sich auch die Frage nach der
Landwirtschaft der Zukunft.

Dass die Agrarwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft eine Zukunft
hat, daran ließ HfWU-Rektor Professor Dr. Andreas Frey keinen Zweifel. Er
betonte die Forschungsstärke der HfWU in den Agrarwissenschaften und
verwies auf die Zukunft des Lehr- und Versuchsbetriebes Tachenhausen. Dort
soll nach dem Willen der Hochschule eine „Dialog- und
Innovationsplattform“ für die Agrarwirtschaft der Zukunft entstehen. Die
diesjährige Wintertagung sei Teil dieses Konzeptes ebenso wie eine neue
Professur im Studiengang Agrarwirtschaft mit dem Titel „Landwirtschaft und
Landnutzung im Dialog.“

Die Tierhaltung, genauer die Haltung von Wiederkäuern, spiegelt dieses
Spannungsfeld. Gerade Rinder sind für den Ökolandbau wichtig. Sie
verwerten Pflanzen von Wiesen und Weiden, wandeln sie in Nahrungsmittel um
und prägen die Kulturlandschaft. Andererseits steht die Umweltbilanz der
Tierhaltung in der Kritik, insbesondere die Klimabilanz von Wiederkäuern.
Die baden-württembergische Politik bekennt sich zur Tierhaltung.
„Tierhaltung gehört zur Kreislaufwirtschaft. Biodiversität und
Artenvielfalt gehen nicht ohne Tierhaltung“ betont Ministerialdirektorin
Isabel Kling vom baden-württembergischen Landwirtschaftsministerium. Die
Referentinnen und Referenten des Tages betonten aber auch: Es braucht
insgesamt weniger Konsum tierischer Produkte und umwelt- und
tiergerechtere Haltungsverfahren. Der ökologische Landbau mit
flächengebundener Tierhaltung und artgerechteren Haltungsverfahren bietet
hierfür Lösungsansätze.

HfWU-Professorin Dr. Maria Müller-Lindenlauf beschreibt die
Herausforderungen für die Landwirtinnen und Landwirte. Da sei zum einen
die Kritik an der Tierhaltung an sich, zum anderen die Anforderungen wie
Weidepflicht (in der ökologischen Rinderhaltung) und geringe Preise, die
es Landwirten schwer machten, wirtschaftlich zu arbeiten. Hinzu kommt: Die
Bauern müssten sich gegenüber den Verbrauchern oft rechtfertigen, so
Müller-Lindenlauf. Gerade Grünlandregionen wie im Schwarzwald ließen sich
als Kulturlandschaft ohne Tierhaltung kaum erhalten. Die Kommunikation
zwischen Erzeugern und Verbrauchern, aber auch der Dialog zwischen den
Betrieben sei entscheidend. Dieser Thematik stellt sich HfWU-Professor Dr.
Lukas Kiefer, der für die Schwarzwaldregionen ein Forschungsprojekt unter
dem Titel „Weide und Kooperation“ betreibt und Erfolgsmodelle für Berg-
und Ackerbaubetriebe entwickelt. Dabei geht es um neue Lösungen für eine
wirtschaftliche Tierhaltung, die auch der Natur dient.

„Der ökologische Landbau braucht Tierhaltung“, betont Isabel Kling. Die
Nachfrage nach Bioprodukten steige, sie erwartet einen Anteil von 30-40
Prozent, „wir brauchen mehr Betriebe.“ Die Haltung und der Tierschutz
seien entscheidend, es gehe um die Wertschätzung von Tier und
Lebensmittel, so Isabel Kling.

Tatsächlich sinkt die Zahl der Betriebe mit Tierhaltung deutlich,
beschreibt Marcus Arzt (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer
Landbau Baden-Württemberg) die Entwicklung. Auch er betont, „der
ökologische Landbau braucht Tierhaltung“. Gerade magere, artenreiche
Wiesen, die die Kulturlandschaft prägen, profitieren vom Dung der
Nutztiere und können meist nur durch Tierhaltung erhalten werden. Die
Autorin und Tierärzten Dr. Cornelie Jäger sieht den Dung als Anfang der
Nahrungsketten. Gerade auf artenarmen Flächen erhöht die Weidehaltung die
Biodiversität. Jäger problematisiert die Flächenkonkurrenz der Tierhaltung
mit der Nahrungsmittelproduktion. Ein Drittel der Weltgetreideernte landet
in Tierfutter. Sie plädiert für eine Tierhaltung ohne Nahrungskonkurrenz.
„Tierhaltung ja, aber anders“, lautet ihr Credo. Es gehe um mehr als nur
um Fleisch, sondern darum, dass die Tierhaltung bei der Resteverwertung
und der Nahrungsmittelerzeugung von Grünland eine wichtige Rolle spielt.
Für Jäger ist dies eine „multifunktionale Dienstleistung.“

Cornelie Jäger bezieht sich auf Ernährungs- und Klimaexperten, die
angesichts der Welternährung für eine planetary Health Diet plädieren:
eine bewusst flexitarische Ernährung, die aber gegenüber dem Status-quo
einen deutlich geringen Anteil tierischer Lebensmittel enthält – zum Wohl
von Mensch, Tier und Natur. Das bedeutet einen Fleischverbrauch von 10-15
kg pro Jahr. Derzeit liegt dieser in Deutschland bei rund 50 Kilogramm
jährlich.

Nürtingen, 11.03.2026
Gerhard Schmücker