Paragrafen, die sprechen: Jurastudierende an der Universität Greifswald trainieren Rhetorik für die Praxis
Rechtswissenschaften gelten schnell als trockenes Fach: Paragrafen wälzen,
Gesetzestexte analysieren, Gutachten schreiben. Ein Studium, das stark auf
Schriftlichkeit und theoretisches Wissen ausgerichtet ist. Doch das trifft
längst nicht alles. Das Seminar „Rhetorik im Jurastudium“ an der
Universität Greifswald zeigt, dass Jurastudium und Kommunikation eng
zusammengehören. Hier lernen Studierende, komplexe rechtliche Sachverhalte
verständlich und überzeugend zu vermitteln – und zwar nicht nur auf dem
Papier, sondern vor Publikum.
„Im Jurastudium wird vor allem rechtliches Normwissen vermittelt und es
dominieren schriftliche Darstellungsformen“, erklärt Seminarleiter Thilo
Tröger. Klausuren, Hausarbeiten, Gutachten – all das trainiert die
schriftliche Argumentation bis ins Detail.
Für die spätere Berufspraxis jedoch reicht Fachwissen allein nicht aus.
„Für die Berufspraxis dagegen ist neben den Rechtskenntnissen eine
kommunikative Kompetenz entscheidend: Jurist*innen müssen wirkungs- und
adressatenorientiert sprechen und hierfür zum Beispiel auf
Körperkommunikation oder Sprechausdruck achten. Um das Vertrauen ihrer
Mandant*innen oder von Prozessbeteiligten zu gewinnen, müssen sich
Anwält*innen oder Richter*innen in die Situation ihres Gegenübers
hineinversetzen und sich vor ihm oder ihr verständlich ausdrücken können“,
so Tröger.
Fünf Minuten, ein Publikum, ein Test
Das wurde im Seminar praktisch erprobt: In fünfminütigen Kurzvorträgen
präsentierten die Studierenden juristische Themen – adressatengerecht auf
ein Laienpublikum zugeschnitten. Dabei kamen auch Visualisierungen zum
Einsatz, die lernpsychologisch sinnvoll gestaltet wurden. „Wie können
Stichpunkte auf PowerPoint-Folien sinnvoll gestaltet werden? Wie schafft
man anschauliche Text-Bild-Verknüpfungen? Wie müssen grafische
Gestaltgesetze berücksichtigt werden?“ – Erstmals ließen sich einige
Teilnehmende bei der Folienerstellung auch von der KI unterstützen und
inspirieren.
Perspektivwechsel inklusive
Besondere Dynamik erhielt das Seminar durch die Zusammenarbeit mit dem
„Argumentations- und Präsentationstraining“ im Bachelorstudiengang
Kommunikationswissenschaft. Studierende der Kommunikationswissenschaft
gaben Feedback aus der Perspektive von Nicht-Jurist*innen – ein wertvoller
Realitätscheck. „Wir haben viel Neues gelernt und einen interessanten
Einblick in das Studienfach der anderen bekommen“, berichteten die
Teilnehmenden anschließend.
Auch Dr. Martha Kuhnhenn, Dozentin des
Kommunikationswissenschaftssem
und gleichzeitig konkret-produktives Feedback zu geben – auch zu Themen
außerhalb des eigenen Fachgebiets – ist eine zentrale mündliche
Schlüsselkompetenz. Ich hoffe, dass wir diese Zusammenarbeit wiederholen
und idealerweise verstetigen können.“
Jurastudentin Linh Michelle Nguyen beschreibt die Kooperation als „sehr
aufschlussreich“, besonders mit Blick darauf, „wie verständlich
juristische Themen von Nicht-Jurastudierenden wahrgenommen und vermittelt
werden“. Ergänzend hätte sie sich auch praxisnahes Feedback aus
juristischer Perspektive gewünscht, insgesamt bewertet sie den
fachübergreifenden Austausch jedoch sehr positiv.
Das Seminar macht deutlich: Juristisches Wissen überzeugt erst, wenn es
verständlich vermittelt wird – und die Fähigkeit zu sprechen ist ein
zentraler Bestandteil der Ausbildung.
Weitere Informationen
In der Reihe NomosStudium ist die zweite Auflage des Lehrbuchs „Neuauflage
von ‚Rhetorik im Jurastudium. Recht reden.‘“ erschienen. Autor ist Thilo
Tröger, M. A., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rechts- und
Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Greifswald. Das Buch
vermittelt, wie Jurist*innen mündlich argumentieren, überzeugend
präsentieren und komplexe Inhalte verständlich erklären können – zentrale
Schlüsselkompetenzen für Studium und Berufspraxis. Die zweite Auflage
enthält aktualisierte Beispiele, praxisnahe Übungen, Hinweise zur
Visualisierung von Fachvorträgen und ein erweitertes Stichwortverzeichnis.
