Schneemessung in Davos - Tag für Tag, Jahr für Jahr
Versuchsfeld Weissfluhjoch, Davos: Seit Herbst 1936 vermisst das WSL-
Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF täglich die Schneedecke. Die
einzigartige Schneedaten-Langzeitmessreihe liefert wichtige Daten für
Klimaforschung, Lawinenwarnung und Hochwasserprognosen – erhoben vom
Jochdienst mit traditionellen Methoden und modernster Messtechnik.
Dezember im Skigebiet Parsenn bei Davos. Bei herrlichem Sonnenschein
schwingt eine Gruppe Skifahrerinnen und Skifahrer die Piste Richtung
Mittelstation hinab. Normaler Betrieb? Nicht ganz. Denn plötzlich verlässt
die Gruppe die Piste und biegt ins Gelände ab. Dort erreicht sie nach
wenigen Metern das Versuchsfeld Weissfluhjoch des WSL-Instituts für
Schnee- und Lawinenforschung SLF. Hier erheben Forschende seit Herbst 1936
Schneedaten wie die Struktur der Schneedecke, ihren Wassergehalt und ihre
Höhe. Im Winter Tag für Tag, bei jedem Wetter, jeweils früh am Morgen. Im
Sommer, wann immer Schnee liegt, insgesamt acht Monate im Jahr.
Die jahrzehntelange Messreihe in dieser Höhe ist einmalig.
Schneeforschende aus der ganzen Welt greifen darauf zu. Im SLF fliessen
die Daten in zahlreiche Projekte, von der Klimaforschung über die
Schneeklimatologie und die Hochwasserprognose bis hin zur Lawinenwarnung.
Verantwortlich dafür ist der Jochdienst. Das sind zwanzig bis
fünfundzwanzig Doktorandinnen und Doktoranden des SLF im wöchentlichen
Schichtdienst. An diesem Dezembertag erhalten sie die jährliche Einführung
in die Messarbeiten.
Mit Feingefühl und Augenmass
Manche Methoden wendeten Wissenschafter bereits in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts an. Das garantiert, dass sie die Daten vergleichen können
und Trends erkennen, ohne alte Ergebnisse umzurechnen. Andere Verfahren
und Geräte kamen im Laufe der Zeit hinzu, wie der SnowMicroPen (SMP), eine
Eigenentwicklung des SLF.
«Damit finden wir Details über die Schichten in der Schneedecke heraus»,
erläutert Matthias Jaggi, technischer Mitarbeiter am SLF: «Bitte geht
liebevoll mit ihm um.» Eine Reparatur kostet schnell ein paar tausend
Franken. Heute dürfen alle zur Probe abseits des Versuchsfelds das Gerät
einmal ausprobieren.
Hier ist Feingefühl gefragt, bei der Höhe der Schneedecke Augenmass. Aus
mehreren Metern Entfernung peilen die Doktorandinnen und Doktoranden
Markierungen auf einer Stange im Schnee an. Nächster Schritt: Wie sieht
die oberste Schneeschicht aus? «Heute haben wir Oberflächenreif auf einer
mehrere Zentimeter dicken Kruste», sagt Lawinenwarner Jürg Trachsel. Die
Beobachtung und Meldung des Oberflächenreifs ist für die Lawinenwarnung
sehr relevant. «Sobald er eingeschneit wird, ist es eine Schwachschicht,
in der leicht Lawinen ausgelöst werden können», erklärt er.
Schnee auf der Waage
Trachsel gehörte in seiner Zeit als Doktorand am SLF selbst zum
Jochdienst-Team. «Damals haben wir noch im ehemaligen Institutsgebäude auf
dem Weissfluhjoch übernachtet, das war megacool, in der Früh zu sehen, wie
die Sonne aufgeht, und noch kein Mensch war oben», erinnert er sich.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Seit Jahren macht sich der Jochdienst vom
Tal aus auf den Weg. Im Winter kann er vor den Touristen mit der Bahn für
die Mitarbeitenden der Bergbahnen fahren. In der Zwischensaison geht es zu
Fuss, mit Schneeschuhen, Tourenski oder dem institutseigenen E-Bike
hinauf. «Das ist aber nicht für jedes Wetter geeignet, ich bin damit beim
Bergabfahren im Matsch steckengeblieben und musste es den Berg
runtertragen», sagt Julia Miller, die bereits ihre dritte Saison
Jochdienst macht und ihre Kenntnisse auffrischt.
Dann ist es an der Zeit, das innere Kind an der Arbeit zu beteiligen. SLF-
Forscherin Julia Glaus zeigt, wie der Jochdienst mit einer grossen, runden
Form Neuschnee aussticht. Den bringt sie in eine kleine Hütte neben dem
Versuchsfeld und stellt ihn auf eine Waage. Aus der Masse leiten die
Forschenden das Schneewasseräquivalent SWE ab (siehe Kasten).
In der Hütte steht auch der Computer, in den die Doktorandinnen und
Doktoranden ihre Messwerte eingeben, die dann sofort im Computernetz des
SLF sämtlichen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern und teilweise auch
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.
Mittlerweile ist später Vormittag. Die Doktorierenden sind geschult. Zeit
für die Talabfahrt in Richtung Büro.
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Was ist ... das Schneewasseräquivalent (SWE)?
Eine Schneedecke besteht aus zahlreichen Schichten mehr oder weniger stark
zusammengepressten (dichten) Schnees. Das Schneewasseräquivalent gibt an,
wie hoch eine Wasserschicht nach dem Schmelzen der Schneedecke wäre,
angegeben in Millimeter. Jeder Millimeter entspricht einem Liter Wasser
pro Quadratmeter Schneedecke. Ein Zentimeter Neuschnee mit einer typischen
Dichte von hundert Kilogramm pro Kubikmeter ergibt einen Millimeter
Wasser. Ein Beispiel: Mitte April 2024 betrug die mittlere Dichte der
Schneedecke auf dem Versuchsfeld Weissfluhjoch 416 Kilogramm pro
Kubikmeter, was bei einer Schneehöhe von 2,7 Metern einem Wasserwert von
rund 1100 Millimetern beziehungsweise 1100 Liter Wasser pro Quadratmeter
entspricht.
Originalpublikation:
https://www.slf.ch/de/news/sch
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