Klimapolitik: Unentschiedene entscheiden
Im Rahmen des Horizon Europe-Projekts Capable befragten Forschende im
Sommer 2024 rund 19’000 Menschen aus 13 europäischen Ländern zu 15
konkreten Klimavorlagen. Ziel war es, herauszufinden, wie hoch die
Zustimmung zu den einzelnen Vorlagen ist und welche Faktoren die Meinungen
beeinflussen.
Dafür wurde gezielt nach den Beweggründen für die Entscheidungen der
Teilnehmenden gefragt. Die Analyse zeigt, dass Kosten die grösste Hürde
für die Akzeptanz von Klimaauflagen in der Bevölkerung darstellen.
Die innovative Methodik der Studie kann zukünftig in Langzeitstudien
genutzt werden, um politische Entscheidungen der Bevölkerung besser
verstehen und verfolgen zu können.
Die aktuell eingesetzten Klimamassnahmen werden wohl nicht reichen, um die
Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Ob weitere Massnahmen
eingeführt werden können, um dem Ziel, die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu
begrenzen und den Klimawandel zu bekämpfen, näherzukommen, hängt stark von
der öffentlichen Meinung und politischen Unterstützung ab. Forschende der
ETH Zürich, unter der Leitung von Keith Smith, Oberassistent in der
Forschungsgruppe von Professor Thomas Bernauer, haben dazu deshalb eine
gross angelegte Umfrage in 13 EU-Ländern durchgeführt, um herauszufinden,
welche Massnahmen überhaupt eine Chance hätten, akzeptiert zu werden, und
warum.
Die Studie zielte nicht nur darauf ab, Meinung und Einstellung der
Bevölkerung zu erfragen, sondern die grundsätzliche Haltung der
Teilnehmenden gegenüber der Klimapolitik präzise zu erfassen. Daraus
ergaben sich vier Profile: Befürworter:innen, Neutrale, Unentschiedene und
Gegner:innen.
Die grösste Gruppe bilden mit 36 Prozent die Befürworter:innen, die den
meisten Klimaschutzvorschlägen zustimmen. 21 Prozent gehören zu den
Gegner:innen, die Klimamassnahmen überwiegend ablehnen. Die Neutralen
machen rund 10 Prozent der Befragten aus und gelten als Personen, die an
keiner Abstimmung teilnehmen würden. Eine weitere grosse Gruppe sind die
Unentschiedenen, die 33 Prozent der Befragten ausmachen. Diese Personen
sind deutlich flexibler, da ihre Meinung von der jeweiligen Massnahme
abhängt und sie keine feste Grundhaltung für oder gegen die Klimapolitik
haben. Entsprechend richtet die Studie den Fokus auf diese zentrale
„Swing“-Gruppe, um besser zu verstehen, was ihre klimapolitischen
Präferenzen prägt und die Gründe ihres unterschiedlichen Wahlverhaltens zu
erfassen.
Wichtigster Faktor: Die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz
Wenn sich diese Gruppe der Unentschiedenen für oder gegen eine der 15
Klimavorlagen entscheiden musste, war vor allem eines ausschlaggebend: die
persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz. Finanzielle Aspekte, aber auch
potenzielle Einschränkungen etwa durch ein Verbot, standen dabei im
Vordergrund. Die Wahrnehmung dieser Kosten-Nutzen-Rechnung übersteuert
sogar die Parteizugehörigkeit und demografische Gegebenheiten, wie etwa
Einkommen, Wohnort oder Bildungsniveau, die bis anhin als entscheidende
Faktoren für die Meinungsbildung galten.
So lassen sich mehr Menschen für Projekte begeistern, bei denen etwas
angepasst statt komplett verboten wird. Ein generelles Verbot von Autos
mit Verbrennungsmotoren lehnen beispielsweise 73 Prozent der
Unentschiedenen ab. Wird die Vorlage aber so formuliert, dass ein Ersatz
durch synthetische Brennstoffe möglich ist, sinkt die Ablehnung auf nur
noch 39 Prozent. Diese Elastizität sei sehr überraschend, meint Keith
Smith, Erstautor der Studie. Wie eine Vorlage aufgebaut ist, sei also für
ihre Zustimmung im Volk entscheidend.
Klimafonds: Viele wünschen sich spürbare, sichtbare Vorteile
Die Studie zeigt auch auf, dass die Bevölkerung Gelder aus Klimafonds wie
dem EU-Emissionshandel bevorzugt in Anpassungsprojekte investieren würde -
etwa in grüne Technologien, emissionsarme Verkehrsangebote oder
Ausgleichsmassnahmen für die einzelnen Haushalte. Dahingegen fallen
Kompensationsleistungen für durch den Klimawandel gefährdete
Arbeiter:innen überraschenderweise kaum ins Gewicht. Vor allem bei den
unentschiedenen Befragten fällt auf, dass sie die Gelder bevorzugt in
sichtbare und öffentliche Leistungen investieren.
Grund zur Hoffnung
Im internationalen Vergleich stellte sich heraus, dass der Anteil der
Unentschiedenen in allen befragten Ländern relativ hoch ist. Würden
innerhalb dieser Gruppe jene Personen, die bei einzelnen Massnahmen «weder
dafür noch dagegen» angeben, in Richtung Zustimmung kippen, kämen 10 von
15 in der Studie abgefragten Vorlagen zustande. Ohne ihre Unterstützung
hingegen wären es lediglich vier.
Dass die Gruppe europaweit grossen Einfluss auf die Realisierung von
Klimavorlagen hat, ist für Smith eine der wichtigsten Erkenntnisse des
Projekts. «Wenn es also gelingt, diese unentschiedenen Personen abzuholen,
lassen sich innerhalb von Europa Mehrheiten für konkrete Massnahmen
finden», so Smith. Die Studie zeige auch, dass vielen Europäer:innen
Klimathemen immer noch wichtig seien. Die Unterstützung dieser Gruppe sei
aber schwankend und hänge stark davon ab, wie der jeweilige Vorschlag
gestaltet ist. «Unsere Forschung soll Politiker:innen zeigen, dass es sich
durchaus lohnt, gute Vorlagen auszuarbeiten», so Smith.
Studiendesign erlaubt gezieltere Forschung
Eine weitere wichtige Errungenschaft der Studie ist für Smith das
innovative Studiendesign. Die Antworten der Proband:innen wurden auf zwei
Achsen miteinander verglichen, um sowohl die Verteilung innerhalb der
Bevölkerung zu messen, aber auch um festzustellen, wie konstant deren
Antworten waren. Für jede der Vorlagen erstellten Smith und sein Team ein
Profil der Bevölkerung, für alle Teilnehmenden erstellten sie ein
Meinungsprofil. So konnte das Forschungsteam genau analysieren, welche Art
von Vorlage in welcher Wählergruppe am besten ankommt. Für zukünftige
Forschungsprojekte wäre dieses Studiendesign auch für Forschung in der
Schweiz gut geeignet, so Smith.
