Expertenkommentar zu Folgen des Kriegs: Putins Regime führt Russland in demografischen Niedergang
Russland steuert auf einen erheblichen und nahezu irreversiblen
Bevölkerungsrückgang zu – angetrieben durch den Krieg und nationalistische
Innenpolitik: So argumentiert der Demograf Dr. Salavat Abylkalikov in
einem Kommentar für das Leibniz-Institut für Ost- und
Südosteuropaforschung. Während der Staat praktisch keine einschlägigen
demografischen Daten mehr publiziert, gehört Abylkalikov zu den wenigen
russischen Forschenden, die sich öffentlich zu dem Thema äußern. Dafür
wird er in Russland politisch verfolgt.
Abylkalikov kommentiert:
„Seit Langem warnt Präsident Wladimir Putin vor einem Schrumpfen der
russischen Bevölkerung. Dabei steuert seine Politik das Land genau darauf
zu. Russland steht vor einem massiven und irreversiblen
Bevölkerungsrückgang. Grund ist, dass das Land zurzeit mehrere
folgenschwere Entwicklungen gleichzeitig erlebt, die sich gegenseitig
verstärken.
Alternde Bevölkerung
Der Großangriff auf die Ukraine erfolgte in einer Phase der demografischen
Verwundbarkeit Russlands: Derzeit vollzieht sich ein grundlegender Wandel
in der Bevölkerungsstruktur. Kleine Geburtsjahrgänge der 1990er und frühen
2000er Jahre erreichen das Erwerbs‑ und Familiengründungsalter, während
die Angehörigen der großen Kohorten aus der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg in den Ruhestand gehen. Die Zahl der Arbeitskräfte und die der
Geburten sinken; während es immer weniger Jüngere gibt, steigt die Zahl
der über 60-Jährigen in dieser Phase um etwa die Hälfte an.
Verlust von Erwerbsbevölkerung und potenziellen Vätern
Das wäre Herausforderung genug, doch der Krieg und seine Folgen
verschärfen das Problem enorm. Schon jetzt ist schätzungsweise mindestens
jeder 20. Mann in der Gruppe der 21- bis 47-Jährigen tot oder verwundet.
Das trifft – neben allem menschlichen Leid – den Kern der
Erwerbsbevölkerung und potenzieller Väter. Solche Verluste dürften die
Wirtschaftsleistung über Jahrzehnte verringern und den Mangel an Vätern
angesichts der ohnehin schon kleinen Altersgruppen verschärfen, zumal seit
Kriegsbeginn auch noch insbesondere gut ausgebildete Jüngere in Massen
Russland verlassen haben. Indirekte Verluste können ebenso bedeutend sein.
Mit der Rückkehr von Veteranen erhöht sich das Risiko von Alkohol- und
Drogenmissbrauch, Gewalt, Unfällen und Suiziden. Sanktionen und
finanzielle Zwänge wegen des Krieges sowie Personalmangel im
Gesundheitssystem verschlechtern die Versorgung. Die nach der Corona-
Pandemie angestiegene Lebenserwartung von Männern dürfte stagnieren oder
sich gar umkehren.
Keine Mittel für Anreize
Auch sonst fehlen dem Staat schon länger der Wille und inzwischen auch die
Mittel, die Menschen durch Anreize dazu zu bewegen, mehr Kinder zu
bekommen. Wirksame geburtenfördernde Politik ist teuer. Die Erfahrungen
der OECD legen nahe, dass Aufwendungen von mindestens 3 % des BIP für
Familienleistungen und Kinderbetreuung nötig sind, um einen merklichen
Einfluss auf die Geburtenhäufigkeit zu haben; der OECD-Durchschnitt liegt
bei über 2 %. Russland gibt etwa 1 % aus. Seine immer knapperen Mittel
wird Russland künftig aber erst recht eher ins Militär als in Familien
investieren.
Einwanderung geht zurück
Dabei schrumpft die russische Bevölkerung schon seit Jahren. Von 1992 bis
2023 betrug der natürliche Rückgang 16,8 Millionen. Allerdings wurde dies
in großen Teilen durch Zuwanderung ausgeglichen – die Nettozuwanderung
belief sich in diesem Zeitraum auf 12,3 Millionen. Nun jedoch schwächt
sich dieser Mechanismus ab. Das Wirtschaftswachstum in den
Herkunftsländern – insbesondere Zentralasien – hat die
Einkommensunterschiede zu Russland verringert, zudem droht vielen
Migranten in Russland die Zwangsrekrutierung für den Krieg. Das Land wird
damit unattraktiv für Einwanderer. Mehr noch: Die zunehmende
Feindseligkeit der russischen Öffentlichkeit gegenüber Migranten seit
Beginn der Vollinvasion und Maßnahmen gegen Einwanderer nach dem
Terroranschlag auf die Crocus City Hall im Jahr 2024, darunter vermehrte
Abschiebungen, stehen für eine restriktive Wende in der
Einwanderungspolitik des Kremls.
Halbiert sich die Bevölkerungszahl?
In der Folge könnte die Nettozuwanderung gegen Null tendieren oder sogar
negativ werden. Was das bedeutet, habe ich auf Grundlage von UN-Prognosen
berechnet. Russlands Bevölkerung beläuft sich derzeit auf gut 140
Millionen Menschen. Legt man eine Null-Migration zugrunde, werden es im
Jahr 2100 noch – je nach Variante – 89,6 oder 58,3 Millionen Menschen
sein.
Demografische Prozesse sind sehr träge. Schon jetzt hat sich der Rückgang
der Geburtenrate und des Arbeitskräfteangebots beschleunigt. Das
Zusammentreffen von struktureller Überalterung, kriegsbedingten Verlusten,
wirtschaftlichen Zwängen und weniger Zuwanderung könnte diesen Trend
festigen. Sollten sich die Bedingungen nicht innerhalb der nächsten
höchstens zehn Jahre deutlich ändern, wird ein massiver Rückgang der
Bevölkerung kaum mehr aufzuhalten sein.“
Eine ausführliche Version des Kommentars finden Sie auf dem Blog des
Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung:
https://ostblog.hypotheses.org
Zur Person:
Dr. Salavat Abylkalikov ist Demograf. Er ist aktuell Philipp-Schwartz-
Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität
Regensburg und Assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Ost-
und Südosteuropaforschung. Er promovierte in Soziologie an der HSE
Universität in Moskau, wo er bis 2023 lehrte. Seine Forschungsschwerpunkte
sind Migration, historische Demografie sowie die regionale Demografie
Russlands und des postsowjetischen Raums. Aufgrund seiner öffentlichen
Äußerungen u. a. in Medien zu den langfristigen Folgen der Vollinvasion
der Ukraine wird er in Russland politisch verfolgt.
