Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter: Ausbau kommt voran, Qualität bleibt zentrale Aufgabe
Aktuelle Forschungsdaten des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass der
Ausbau von Ganztagsplätzen für Grundschulkinder deutlich voranschreitet,
die Entwicklung von qualitativ hochwertigen Angeboten jedoch vielerorts
erst beginnt. Mit welchen Herausforderungen und Chancen der Ganztag
verbunden ist, thematisiert deshalb die neu erschienene Ausgabe des
Forschungsmagazins DJI Impulse.
Ab dem Schuljahr 2026/2027 haben alle neu eingeschulten Kinder in
Deutschland Anspruch auf Ganztagsbetreuung – ein wichtiger Schritt für
mehr Bildungsgerechtigkeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Die bundesgesetzliche Platzgarantie wird von den Bundesländern und
Kommunen umgesetzt – und beim Ausbau der Ganztagsplätze sind deutliche
Fortschritte erkennbar. Nur noch 4 Prozent der Eltern in Westdeutschland
haben einen Bedarf an Ganztagsbetreuung für ihr Grundschulkind, der
vollständig ungedeckt ist, in Ostdeutschland liegt der Wert sogar noch
niedriger, zeigt die Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des Deutschen
Jugendinstituts (DJI), bei der jährlich etwa 33.000 Eltern mit Kindern bis
zum Ende der Grundschulzeit befragt werden. Dennoch hebt
Forschungsdirektorin Prof. Dr. Susanne Kuger hervor: „Ein Platz allein
reicht nicht aus. Fragen der Qualität, der Verlässlichkeit, der
Ferienbetreuung und der Erreichbarkeit für sozial benachteiligte Familien
bleiben zentral.“
73 Prozent der Eltern in Westdeutschland und 90 Prozent in Ostdeutschland
wünschen sich einen Ganztagsplatz
Der neue gesetzliche Anspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für
Grundschulkinder umfasst fünf Tage pro Woche bis zu acht Stunden täglich,
inklusive Unterricht. Ab dem Schuljahr 2026/2027 gilt dies zunächst für
Erstklässler:innen, bis 2029/2030 wird der Anspruch stufenweise auf alle
vier Klassenstufen ausgeweitet. Durchschnittlich 73 Prozent der Eltern in
Westdeutschland und 90 Prozent in Ostdeutschland wünschen sich der DJI-
Kinderbetreuungsstudie KiBS zufolge eine Ganztagsbetreuung für ihre
Grundschulkinder. Immer mehr Grundschulen sind inzwischen auch ganztägig
organisiert, jedoch nicht in allen Bundesländern. Ausbaubedarf besteht
beispielsweise noch in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.
Die aktuelle Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse mit dem Titel
„Ganztag für alle“ beleuchtet, welche hohen Erwartungen sich mit dem
kommenden Rechtsanspruch verbinden: mehr Bildungsgerechtigkeit, eine
bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine Schule, die Kinder in
ihrer ganzen Lebenswirklichkeit ernst nimmt. Gleichzeitig beschreiben die
Autor:innen auf Basis von aktuellen Forschungsbefunden die
Herausforderungen, vor denen die beteiligten Akteur:innen bei der
Umsetzung stehen. „Schulen sind gefordert, den Ganztag nicht nur
organisatorisch anzudocken, sondern ihn als Impuls für eine ganzheitliche
Weiterentwicklung von Schule und Unterricht zu nutzen“, sagt
Bildungsforscherin Kuger.
Prekäre Arbeitsverhältnisse an Grundschulen: Viele Beschäftigte haben
keine Ausbildung, sind befristet oder in Teilzeit tätig
Multiprofessionelle Teams gelten als Schlüssel für die Weiterentwicklung
von Schule und Unterricht. Lehrkräfte, Fachkräfte der Kinder- und
Jugendhilfe, Quereinsteigende und Ehrenamtliche sollen eine breite
Förderung der Kinder ermöglichen. Sie stoßen in der Realität jedoch auf
strukturelle Grenzen: Personalmangel, unterschiedliche Berufslogiken,
Arbeitsweisen und Zeitstrukturen. Bislang existieren keine bundesweit
verbindlichen Regelungen zu Qualifikationsanforderungen für die
Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern.
Aktuelle Datenauswertungen des DJI und des Forschungsverbunds DJI/TU
Dortmund machen deutlich, dass der schulische Ganztag in erheblichem
Umfang durch prekäre Beschäftigung geprägt ist. Jede fünfte Person, die im
Jahr 2022 in der Kinderbetreuung an Grundschulen tätig war, verfügte über
keinen beruflichen und damit auch keinen pädagogisch einschlägigen
Ausbildungsabschluss. Der Anteil an nicht fachlich ausgebildetem Personal
ist damit doppelt so hoch wie in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung.
Zugleich zeigen die Daten, dass befristete Beschäftigung und
Teilzeitarbeit an Grundschulen nicht nur weitaus ausgeprägter sind als in
der Kindertagesbetreuung, sondern auch mit einem deutlich geringeren
Stundenumfang einhergehen. So haben 13 Prozent der dort Beschäftigten
einen Stundenumfang unter zehn Stunden im Hauptberuf; in der
Kindertagesbetreuung sind es lediglich 2 Prozent. „Das erfordert die
Entwicklung von tragfähigen Personalkonzepten, die auch zeitweise oder
geringfügig Beschäftigte einbeziehen“, betont Kuger.
Die Bedürfnisse der Kinder müssen bei der Entwicklung des Ganztags im
Mittelpunkt stehen
Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht der Experte für
Ganztagsschulentwicklung, Dr. Stephan Kielblock, eine große Chance im
kommenden Rechtsanspruch. Im DJI-Impulse-Interview beschreibt der
Bildungsforscher von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, worauf
es bei der Qualitätsentwicklung ankommt und wieso die Bedürfnisse der
Kinder immer im Mittelpunkt stehen müssen. „Wenn Ganztagsentwicklung gut
gelingt, erleben Kinder in der Grundschule einen Schulalltag, der Lernen,
Leben und Beziehungen sinnvoll miteinander verbindet“, erklärt Kielblock.
Empirische Hinweise darauf, was Kindern im Ganztag wichtig ist und welche
Potenziale sie mit ihm verbinden, geben verschiedene Forschungsprojekte
des DJI. In der DJI-Impulse-Ausgabe schildern Forschende ihre
Studienergebnisse und kommen zu dem Schluss: Die Entwicklung eines
Ganztags, der pädagogisch hochwertig und kindgerecht ist, hängt wesentlich
davon ab, ob auch die Stimmen der Kinder systematisch gehört und ihre
Perspektiven in Praxis und Forschung aktiv integriert werden.
Das Forschungsmagazin DJI Impulse berichtet über die wissenschaftliche
Arbeit am DJI, einem der größten sozialwissenschaftlichen
Forschungsinstitute in Deutschland. Regelmäßig schreiben Forschende über
relevante Themen aus den Bereichen Kindheit, Jugend, Familie sowie Bildung
und liefern Impulse für Politik, Wissenschaft und Fachpraxis.
