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Sind alle Küsten tsunami-sicher?

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Die UNESCO will bis 2030 alle gefährdeten Küsten weltweit „Tsunami Ready“
machen. Dieses Ziel bleibt dringend, auch 15 Jahre nach dem Tsunami in
Japan, der am 11. März 2011 über 18.000 Menschenleben forderte und zur
Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima führte. Zwölf Kriterien müssen
dafür erfüllt sein. Doch woher wissen betroffene Gemeinden, wie sie sich
an Frühwarnsysteme anschließen oder eine Evakuierungskarte erstellen? Ein
Team um Prof. Dr. Jörn Behrens vom Earth and Society Research Hub (ESRAH)
der Universität Hamburg hat dafür jetzt das erste umfassende Handbuch zur
Tsunami-Vorsorge veröffentlicht.

Jährlich gibt es bis zu 30 Tsunamis, die bewohnte Gebiete treffen und
größere Schäden anrichten. Doch die Küsten weltweit sind unterschiedlich
gut auf einen Tsunami vorbereitet. Während sich die von großen Tsunami-
Katastrophen betroffenen Länder Japan und Indonesien in den vergangenen 15
Jahren zu Vorreitern entwickelt haben, stehen andere Regionen noch am
Anfang. Das gefährdet im Ernstfall Menschenleben.

„Bei einem Beben im Mittelmeer dauert es zum Beispiel nur maximal 30
Minuten, bis die Welle auf eine Küste trifft“, sagt Mathematiker Jörn
Behrens. „Wie gut die betroffene Region vorbereitet ist, macht einen
riesigen Unterschied. Wenn die Zeit optimal genutzt wird, können viele
Verluste vermieden werden.“

Hier setzt das nun veröffentlichte Handbuch an. Es leistet praktische
Hilfe, das Risiko für Menschen, Infrastruktur und wirtschaftliche Schäden
zu verringern. „Solch ein Standardwerk hat bisher gefehlt“, sagt Behrens.
„Verantwortliche aus Politik und Verwaltung sowie weitere Fachleute finden
hier die Infos, die sie individuell zur Vorbereitung brauchen.“

Das Buch ist online frei verfügbar und hilft, die Kriterien der UNESCO
umzusetzen. Aufgebaut wie ein Kochbuch, enthält es die grundlegenden
„Zutaten“ für eine Risikoabschätzung sowie 25 „Rezepte“, in denen anhand
von Beispielen die Bausteine der Prävention durchgespielt werden. Modelle,
Datensätze und Werkzeuge werden vorgestellt, sodass Verantwortliche sie an
die Bedingungen vor Ort anpassen können.

Mit einem der Kapitel lässt sich zum Beispiel ermitteln, ob ein Risiko
vorliegt. Wie hoch könnte im Ernstfall eine Welle auflaufen? Leben in dem
Gebiet viele Menschen? Jede Region weltweit wird entsprechend bewertet.
Wer für ein bestimmtes Gebiet verantwortlich ist, muss noch genauer
hinschauen. Sind zum Beispiel die Gebäude in Küstennähe stabil? Ein
weiteres Kapitel zeigt, wie sich die Anfälligkeit von Häusern und
kritischer Infrastruktur ermitteln lässt. Ein Beben im Ozean? Dann kommt
es oft auf Minuten an. Entscheidend ist, ob ein Frühwarnsystem etabliert
ist, wie gut die Warnungen die Bevölkerung erreichen – oder wie im
Ernstfall sinnvoll evakuiert wird.

„Wir haben die Forschungsergebnisse bedienfreundlich für die Praxis
aufbereitet, damit sich alle bestmöglich vorbereiten können“, sagt
Behrens. „Bleiben darüber hinaus noch Fragen, beraten wir auch
individuell.“

Das Buch basiert auf den neuesten Methoden aus dem Bereich der Tsunami-
Risikoforschung und stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte
Forschungsergebnisse. Es ist im Rahmen des von Behrens koordinierten
internationalen Projekts AGITHAR (Accelerating Global science In Tsunami
HAzard and Risk analysis) entwickelt worden und wird vom Verband „Global
Tsunami Modell Association“, dem Jörn Behrens vorsitzt und dem mehr als 40
Forschende aus allen Kontinenten angehören, weiter in die Praxis
umgesetzt.