„Ohne Wärmewende keine klimaneutrale Zukunft“ - Interview mit ISOE- Klimaexperte Immanuel Stieß
Ein Gespräch mit ISOE-Klimaexperte Immanuel Stieß über die Bedeutung der
Wärmewende für Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung und
gesellschaftliche Resilienz – und die Schlüsselrolle von Kommunen.
Deutschland hat den Ausbau erneuerbarer Energien in den letzten Jahren
massiv vorangetrieben. Doch der Gebäudesektor trägt nach wie vor erheblich
zu den CO2-Emissionen bei, weil viele Heizsysteme noch mit fossilen
Brennstoffen betrieben werden. Geht es nach der Regierungskoalition,
bleibt das auch erst einmal so: Ihre Eckpunkte für ein
Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) sehen aktuell vor, dass klimaschädliche
Öl- und Gasheizungen weiterhin eingebaut werden dürfen. Dabei gilt eine
konsequente „Wärmewende“ als zentral, um Deutschlands Klimaziele zu
erreichen, und als unverzichtbar für eine erfolgreiche Umsetzung der
kommunalen Wärmeplanung. Denn nach wie vor gilt: Bis 2045 muss eine
klimaneutrale Wärmeversorgung für Gebäude erreicht werden. Wie realistisch
ist es, dass ein Umstieg möglichst flächendeckend gelingen kann? Ein
Gespräch mit ISOE-Klimaexperte Immanuel Stieß über den Spielraum von
Kommunen.
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Erst Energiewende, jetzt Wärmewende. Die Kommunen ächzen unter der Last,
und viele fragen sich: Muss das sein?
Immanuel Stieß: Ganz klar, ja. Weil die Art und Weise, wie wir Wärme in
Gebäuden erzeugen und nutzen, mitentscheidet, ob die Klimaschutzziele
erreicht werden. Man muss sich klarmachen, allein 15 Prozent der
Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen durch das Beheizen von
Gebäuden.
Welchen Beitrag kann die Wärmewende im besten Fall leisten?
Immanuel Stieß: Die Wärmewende senkt Emissionen und verbessert die
Luftqualität in Kommunen. Außerdem steigert sie die Energieeffizienz, der
Einsatz moderner Technologien wie Wärmepumpen oder Solar- und Geothermie
ist dabei ein entscheidender Treiber. Die Nutzung von erneuerbaren
Energien und Abwärme und eine bessere Isolierung der Gebäude verringert
zudem Energiekosten. Dabei geht es aber nicht nur darum, nachhaltige,
erneuerbare Quellen für Heizung und Warmwasser zu nutzen – es geht auch
darum, den Wärmebedarf zu verringern, um den Energieverbrauch insgesamt zu
senken. Denn auch erneuerbare Energien stehen nicht unbegrenzt zur
Verfügung. Ohne Wärmewende keine klimaneutrale Zukunft und keine
Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten.
Welche Rolle spielt die Dekarbonisierung bei der Wärmewende?
Immanuel Stieß: Sicher lassen sich die Klimaziele am schnellsten mit einer
konsequenten Wärmewende erreichen, bei der alle Aktivitäten und
Technologien einbezogen werden, die Energie einsparen und den
Wärmeverbrauch dekarbonisieren. Außerdem ist es der effektivste Weg, um
die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern – ein Argument
für die Wärmewende, das nicht nur ökologisch, sondern auch geopolitisch
von großer Relevanz ist. Wir sehen die Schattenseite dieser Abhängigkeit
ja nicht zuletzt in Ressourcenkonflikten. Die aktuellen kriegerischen
Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind da nur das jüngste Beispiel. Im
Umkehrschluss heißt das: Eine Wärmewende, die auf die rasche
Dekarbonisierung setzt, macht uns auch als Gesellschaft
widerstandsfähiger. Gegenüber dem Klimawandel und gegenüber krisenhaften
politischen Entwicklungen. Die Wärmewende ist also mehr als Klimaschutz –
sie ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Resilienz.
Aber nicht überall ist der konsequente Umstieg auf hocheffiziente
Technologie möglich, auch die Gebäudedämmung zur Steigerung der
Energieeffizienz ist nicht flächendeckend umsetzbar, zu teuer. Schlägt
Ökonomie hier Ökologie?
Immanuel Stieß: Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass ökonomische
Argumente ökologische schlagen, ja. Denn der Umstieg von einer fossilen zu
einer postfossilen Wärmeversorgung erfordert Investitionen, etwa für die
Anschaffung einer Wärmepumpe oder für den Bau eines Wärmenetzes. Das ist
zunächst mit erheblichen Kosten verbunden. Auf den zweiten Blick sieht es
anders aus.
Inwiefern?
Immanuel Stieß: Diese Investitionen in eine nichtfossile Wärmeversorgung
lohnen sich langfristig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Für
die einzelnen Haushalte, weil es mittel- und langfristig Kosten senkt. Und
für die wirtschaftliche Entwicklung, weil die technologischen
Innovationen, die die Wärmewende tragen, neue Märkte und Arbeitsplätze
schaffen – von der Produktion von Wärmepumpen bis hin zur Installation und
Wartung von energieeffizienten Heizsystemen. „Grüne“ Technologien sind
Leittechnologien. Und nicht zuletzt für die Sicherheit unserer
Energieversorgung, weil die Wärmewende, wie gesagt, die Abhängigkeit vom
Import fossiler Energieträger senkt. Davon profitieren auch
Eigentümer*innen und Mieter*innen, weil geopolitische Krisen nicht mehr
zum sprunghaften Anstieg ihrer Heizkosten führen.
Den Kommunen ist mit dem Ausblick auf all diese Vorteile kurzfristig aber
leider nicht geholfen. Die Wärmewende stellt sie vor enorme
Herausforderungen. Sie beklagen akuten Personalmangel, fehlende
Fachkenntnisse und hohe Finanzierungsbedarfe bei gleichzeitig klammen
Haushalten.
Immanuel Stieß: In der Tat ist der Umbau der Wärmeversorgung eine
Mammutaufgabe. Ob dies gelingt, wird in den Kommunen entschieden, sie sind
hier Schlüsselakteure. Sie könnten die Initiative ergreifen und Maßnahmen
gezielt steuern und gestalten, wenn es um die intelligente Nutzung lokal
verfügbarer Energiequellen für die Wärmeversorgung geht. Die kommunale
Wärmeplanung gibt den Kommunen ein Instrument an die Hand, mit dem sie die
Wärmewende vor Ort planen und koordinieren können. Dabei geht es darum,
überhaupt erst einmal zu ermitteln, wie hoch der Wärmebedarf in der
Kommune ist, welche Einsparpotenziale durch energetische Sanierungen
bestehen und wie die benötigte Wärme möglichst aus lokal verfügbaren
erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden kann.
Welche Lösungen kommen da infrage?
Immanuel Stieß: Das kann die Wärme aus Flüssen oder Kläranlagen sein.
Möglich ist auch, die Abwärme von Rechenzentren oder Geothermie zu nutzen.
Hier kommt es auf die lokale Koordination an, denn nur so können zum
Beispiel Wärmenetze sinnvoll geplant und vorhandene Wärmequellen optimal
genutzt werden. Damit kommt viel Arbeit auf die Kommunen zu. Aber die
Umsetzung der konkreten Maßnahmen, wie die Sanierung von Gebäuden oder der
Bau eines Wärmenetzes, erfolgt ja nicht durch die Kommunen allein, sondern
vor allem durch Stadtwerke, Wohnungswirtschaft, private Eigentümer*innen
und Unternehmen. Genau da setzt unser Forschungsprojekt KWAPE „Kommunale
Wärmeplanung zur Aktivierung privater Eigentümer*innen“ an. Hier fragen
wir gezielt, wie Besitzer*innen von Ein- und Zweifamilienhäusern bei der
Planung und Umsetzung der kommunalen Wärmewende einbezogen und unterstützt
werden können.
Was sind die größten Hürden für private Eigentümer*innen?
Immanuel Stieß: Das wurde in zahlreichen Studien untersucht. Die
wichtigsten Hürden, die immer wieder genannt werden, sind: fehlende Mittel
zur Finanzierung, lange Amortisationszeiträume und der Aufwand für die
Umbauarbeiten bei einer Sanierung. Zumindest in Deutschland ist die
Anschaffung einer Wärmepumpe deutlich teurer als der Einbau einer neuen
Öl- oder Gasheizung. Ob sich diese Investition lohnt, hängt von der
Entwicklung der Energiepreise und dem künftigen CO2-Preis ab. Für viele
ältere Eigentümer*innen ist dies eine große Hürde, weil sie
Schwierigkeiten haben, bei ihrer Bank einen Kredit für eine neue Heizung
oder eine Sanierung zu erhalten.
Welche Strategien gibt es, um Eigentümer*innen von Bestandsimmobilien wie
Ein- und Zweifamilienhäusern zu unterstützen?
Immanuel Stieß: Sozial gestaffelte Förderprogramme können weniger
wohlhabenden Hauseigentümer*innen die Finanzierung einer Sanierung
erleichtern. Neue Geschäftsmodelle wie Heizungs-Leasing machen es möglich,
dass auch Eigentümer*innen mit begrenztem Budget in eine neue Heizung
investieren können, ohne die hohen Anschaffungskosten auf einmal stemmen
zu müssen. Noch wenig untersucht ist das Potenzial von gemeinschaftlichen
Lösungen: Eigenheimbesitzer*innen können zum Beispiel gemeinsam ein
kleines Nahwärmenetz betreiben. Oder sie tun sich für die Beschaffung von
Wärmepumpen zusammen oder um Kosten für Handwerkerleistungen zu sparen.
Und es gibt vielversprechende Ansätze, wie eine verbesserte Planung und
Koordination den zeitlichen Aufwand bei der Bauausführung und die damit
verbundenen Belastungen deutlich verringern können.
Was können Städte und Gemeinden darüber hinaus tun, damit die kommunale
Wärmeplanung nicht nur als eine weitere administrative Pflichtaufgabe der
Stadtverwaltung wahrgenommen wird, sondern bei den Bürgern echtes
Vertrauen in die langfristige Versorgungssicherheit schafft?
Immanuel Stieß: Bislang richtet sich die Aufmerksamkeit von Kommunen bei
der kommunalen Wärmeplanung vor allem auf Gebiete mit einem hohen
Wärmebedarf, in denen sich der Aufbau von Wärmenetzen lohnt. Das sind vor
allem verdichtete Quartiere mit einem hohen Anteil an Geschosswohnungsbau.
Aus klimapolitischer Sicht ist das auch sinnvoll. Aber damit wird eben nur
ein Teil des Problems gelöst. Der größte Teil der Gebäude in Deutschland
sind Ein- und Zweifamilienhäuser. Um diesen Teil des Gebäudebestandes
klimaneutral zu bekommen, müssen Eigenheimbesitzer*innen gezielt
angesprochen und unterstützt werden. Da reicht es nicht, den
Eigentümer*innen zu empfehlen, dass sie eine Wärmepumpe einbauen sollen,
wenn ihre Heizung mal den Geist aufgibt.
Warum wurden für das Projekt KWAPE gerade Tübingen und Elmshorn als
Beispielstädte gewählt?
Immanuel Stieß: Sowohl Tübingen als auch Elmshorn verfügen über einen
recht hohen Anteil an Ein- und Zweifamilienhäusern und haben bereits einen
kommunalen Wärmeplan aufgestellt. Beide Städte verfolgen eine
ambitionierte Klimaschutzpolitik und sind dabei, konkrete Maßnahmen für
die Umsetzung der Wärmeplanung zu entwickeln. Das sind ideale
Voraussetzungen, um die in KWAPE geplanten innovativen Formate für die
Beteiligung und Aktivierung von Eigenheimbesitzer*innen zu erproben.
Bei KWAPE handelt es sich um einen transdisziplinären Forschungsansatz.
Welcher Mehrwert ergibt sich aus der Zusammenarbeit der
Forschungsinstitute ISOE, Difu und IÖW mit Praxisakteuren für die
Entwicklung praxisnaher politischer Handlungsempfehlungen?
Immanuel Stieß: Die Kooperation mit den beiden Praxiskommunen ist in
mehrfacher Hinsicht entscheidend für den Projekterfolg. Das Wissen, die
Erfahrung und die Einschätzungen der Praxisakteure vor Ort liefern
wertvolle Beiträge für das Projekt. Wir arbeiten eng mit den
Klimamanager*innen der beiden Kommunen zusammen, denn sie haben nicht nur
fundierte Kenntnisse der geplanten Umsetzungsschritte, sondern auch einen
genauen Überblick über die lokale Akteurslandschaft. Damit können sie uns
wertvolle Hinweise bei der Ansprache von Schlüsselakteuren in der
Verwaltung, in Stadtwerken, Handwerksbetrieben oder Eigentümerverbänden
geben. Das hilft uns, die Bedarfe und Handlungsmöglichkeiten der Kommunen
und der lokalen Bevölkerung sehr viel besser zu verstehen und bei der
Entwicklung von Lösungsansätzen zu berücksichtigen.
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Dr. Immanuel Stieß leitet am Institut für sozial-ökologische Forschung
(ISOE) den Bereich Praktiken und Infrastrukturen. Seit 2023 ist Stieß
Mitglied der Institutsleitung.
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