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Wenn Diskriminierung Vertrauen kostet

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FAU-Forschungsprojekt untersucht Auswirkungen von Ausgrenzung auf
Demokratievertrauen muslimischer Menschen in Deutschland
Diskriminierung ist für viele Musliminnen und Muslime in Deutschland
Alltag – mit Folgen, die weit über persönliche Kränkungen hinausgehen.
Eine Studie des Forschungszentrums für Islam und Recht in Europa an der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) zeigt erstmals
experimentell, wie Diskriminierungserfahrungen das Vertrauen in staatliche
Institutionen beeinflussen – insbesondere in die Polizei.

Zugleich bleibt
die grundsätzliche Unterstützung der Demokratie stabil. Die Ergebnisse des
Forschungsteams um FAU-Wissenschaftlerin Dr. Stephanie Müssig liefern
wichtige Impulse für Politik, Gesellschaft und muslimische Gemeinden – und
machen zugleich Mut.

Wie wirken sich Diskriminierungserfahrungen auf Einstellungen und
Verhalten von Musliminnen und Muslimen hierzulande aus? Und was bedeutet
das für ihr Vertrauen in Staat und Demokratie? Diese Fragen standen im
Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit des Teams um Dr. Stephanie Müssig,
Politik- und Islamwissenschaftlerin am FAU EZIRE.

„Wir wissen seit Langem, dass Musliminnen und Muslime in Deutschland
Diskriminierung erleben – etwa auf dem Arbeitsmarkt. Was bisher fehlte,
war belastbare Forschung dazu, wie sich diese Erfahrungen auf politische
Einstellungen auswirken“, sagt die FAU-Wissenschaftlerin. Genau hier
setzte das von ihr geleitete Teilprojekt zur Diskriminierungswahrnehmung
im Rahmen des FAU-Projekts „Wechselwirkungen“ an.

Was Diskriminierung mit Einstellungen macht

Im Mittelpunkt stand die Frage, ob und wie wahrgenommene oder erfahrene
Diskriminierung mit dem Vertrauen in politische Institutionen
zusammenhängt. „Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist Vertrauen
zentral“, betont Müssig. „Wer sich systematisch benachteiligt fühlt,
verliert Vertrauen – mit Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Das Besondere: Erstmals wurde in Deutschland ein randomisiertes
kontrolliertes Experiment zu diesem Thema durchgeführt. In einem Online-
Experiment mit 135 Studierenden in Fächern mit Nahost- und Islambezug
wurde untersucht, wie Informationen über Diskriminierung – etwa die
Benachteiligung kopftuchtragender Musliminnen auf dem Arbeitsmarkt – das
politische Vertrauen beeinflussen. Ergänzend fanden sieben
Gruppendiskussionen mit Musliminnen und Muslimen statt.

Vertrauensverluste sind messbar

Die Ergebnisse sind eindeutig: Diskriminierung wirkt – und zwar messbar.
Vor allem gruppenbezogene Diskriminierungswahrnehmungen beeinflussen
politische Einstellungen. „Wir konnten nachweisen, dass das Vertrauen in
die Polizei signifikant sinkt, wenn Musliminnen und Muslime mit
Informationen über Diskriminierung ihrer Gruppe konfrontiert werden“,
erklärt Müssig. Bei Teilnehmenden mit ausgeprägter muslimischer Identität
zeigte sich zusätzlich ein geringeres Vertrauen in den Deutschen
Bundestag. Andere Institutionen wie Gerichte oder Bundesregierung waren
weniger betroffen.

In den Gruppendiskussionen wurde zudem deutlich, dass viele Musliminnen
und Muslime den Eindruck haben, staatliche Institutionen könnten zwar vor
Diskriminierung schützen, seien dazu aber nicht immer bereit. „Der Staat
wird nicht nur als Schutzinstanz gesehen, sondern teilweise auch selbst
als Quelle von Diskriminierung – etwa durch politische Entscheidungen,
behördliche Praxis oder öffentliche Rhetorik“, sagt Müssig. Trotz dieser
Erfahrungen zeigen die Ergebnisse keine Abkehr von Demokratie oder
Gesellschaft.

Engagement trotz Enttäuschung

Im Gegenteil: Das generelle Vertrauen in den Staat bleibt vergleichsweise
hoch und viele Musliminnen und Muslime wollen sich weiterhin aktiv
einbringen. „Viele sagen: Wir sind enttäuscht, ja. Aber wir glauben, dass
es besser wird – besonders für unsere Kinder. Und dafür engagieren wir
uns“, betont Müssig. Die Studie unterstreicht, wie wichtig es ist,
muslimische Erfahrungen ernst zu nehmen. Stigmatisierende Zuschreibungen,
pauschale Sicherheitsdebatten und generalisierende Darstellungen können
Vertrauen untergraben und die hohe Bereitschaft, sich für
gesellschaftlichen Zusammenhalt zu engagieren, schwächen.

„Vertrauen ist keine Einbahnstraße“, betont Müssig. „Unsere Studie zeigt:
Wer Diskriminierung reduziert, stärkt die Demokratie.“ Die Studie entstand
im Rahmen des FAU-Projekts „Wechselwirkungen“, angesiedelt am FAU EZIRE.
Dieses hat von 2020 bis Ende 2024 unter der Gesamtleitung von Dr. Jörn
Thielmann (Geschäftsführer des FAU EZIRE) gesellschaftliche Diskurse über
Islam, Islamismus und Maßnahmen gegen Radikalisierung untersucht.