Stadtgrün: Gesundheitsbooster oder Pollenfalle?
Stadtgrün ist gut für die individuelle Gesundheit und das innerstädtische
Klima, kann für Allergikerinnen und Allergiker jedoch zur Belastung
werden. Wissenschaftlerinnen am Lehrstuhl für Umweltmedizin der
Universität Augsburg beschäftigen sich mit der Frage wie urbane Vegetation
Allergien beeinflusst. Sie sind Co-Autorinnen einer internationalen
Leitlinie zur gesundheitsförderlichen Stadtplanung und erstellten eine
hochaufgelösten Kartierung allergener Hotspots in Augsburg. Ebenfalls am
Lehrstuhl entwickelt wurde die Pollen-Warn-App PollDi, die nach einer
Testphase in Augsburg und Bad Hindelang nun frei verfüg- und nutzbar ist.
Kaum liegt der Winter den letzten Zügen, spüren Allergiegeplagte schon die
ersten Symptome. Hasel- und Erlenpollen fliegen bereits. Gerade
Haselsträucher sind in innerstädtischen Parks und als Hecken häufig zu
finden. Mit der Frage wie sich Stadtgrün auf die Gesundheit auswirkt und
wann es für Allergikerinnen und Allergiker zur Belastung wird,
beschäftigen sich Forscherinnen der Universität Augsburg am Lehrstuhl für
Umweltmedizin. Während eine internationale Leitlinie die gesundheitliche
Bedeutung urbaner Grünflächen grundsätzlich bewertet, zeigt eine zweite
Studie am Beispiel Augsburgs, wie sich allergene Belastungen innerhalb
einer Stadt konkret verteilen.
„Unsere Arbeit zeigt wie Umweltmedizin, Stadtforschung und digitale
Gesundheitsanwendungen auf jeder Ebene zusammenwirken können, von
internationalen Leitlinien über lokale Risikoanalysen bis hin zur
individuellen Unterstützung per App“, erklärt Dr. Claudia Traidl-Hoffmann,
Professorin für Umweltmedizin und Inhaberin des Lehrstuhls.
Grünflächen als Gesundheitsfaktor – Internationale Perspektive
In der Fachzeitschrift Allergy wurden unter Augsburger Beteiligung jüngst
neue Leitlinien der European Academy of Allergy and Clinical Immunology
(EAACI) veröffentlicht. Die Empfehlungen fassen den aktuellen Stand der
Forschung zur Bedeutung von Grünflächen in urbanen Räumen für die
Prävention von Allergien und Asthma zusammen.
Die Zentrale Botschaft: Stadtgrün ist aus gesundheitlicher Sicht
grundsätzlich wertvoll, es fördert Biodiversität, unterstützt die
psychische Gesundheit und kann das Immunsystem positiv beeinflussen.
Gleichzeitig kommt es jedoch auf die konkrete Ausgestaltung an.
Artzusammensetzung, Pflege, Standortbedingungen und Klimafaktoren
entscheiden darüber, ob Grünflächen zur Entlastung beitragen oder die
Allergenexposition erhöhen. Die Leitlinie plädiert daher für eine
gesundheitsorientierte Stadtplanung, die ökologische und allergologische
Aspekte zusammendenkt und Biodiversität als Schwerpunkt sieht.
Lokale Perspektive: Wo liegen die Allergen-Hotspots?
Wie komplex diese Zusammenhänge im Detail sind, zeigt eine zweite Studie
des Lehrstuhls für Umweltmedizin, veröffentlicht im Fachjournal
Sustainable Cities and Society. Darin entwickelten Forschende ein
Verfahren zur hochaufgelösten, raum-zeitlichen Kartierung allergener
Belastungen in Städten.
Am Beispiel von Augsburg wurden sogenannte „allergene Hotspots“
identifiziert, also Stadtbereiche, in denen die Belastung durch bestimmte
Pollenarten besonders hoch ist. Die Analyse macht sichtbar, dass
Allergenexposition nicht gleichmäßig verteilt ist, sondern stark von
Vegetationsstruktur, Biodiversität, Luftverschmutzung und Mikroklima
abhängt. Selbst innerhalb weniger hundert Meter können deutliche
Unterschiede auftreten.
Zwei Ebenen – ein Ziel
Gemeinsam zeigen beide Arbeiten: Die Frage ist nicht, ob Stadtgrün gesund
ist, sondern wie es gestaltet wird. Während die internationale Leitlinie
den strategischen Rahmen liefert, stellt die Augsburger Hotspot-Analyse
ein praktisches Instrument bereit, um lokale Risiken zu erkennen und
gezielt zu minimieren. Damit verbinden die Forschenden Grundlagenwissen
mit konkreter Anwendbarkeit für Kommunen, Stadtplanung und
Gesundheitswesen.
PollDi-App jetzt frei verfügbar
Ein direktes Anwendungsbeispiel der Augsburger Forschung ist die PollDi-
App, ebenfalls entwickelt am Lehrstuhl für Umweltmedizin der Medizinische
Fakultät. Die App wurde im Rahmen einer klinischen Studie getestet und ist
nun frei zugänglich verfügbar, für die Städte Augsburg und Bad Hindelang.
PollDi kombiniert Pollen- und Luftqualitätsprognosen mit einem digitalen
Symptomtagebuch. Nutzerinnen und Nutzer können ihre Beschwerden
dokumentieren und mit Umweltfaktoren in Beziehung setzen. „Der Schlüssel
ist die Vorhersage: PollDi macht Umweltfaktoren und Symptome früh sichtbar
und unterstützt Allergiepatientinnen und -patienten im Alltag. In meiner
Arbeit als behandelnde Ärztin an der Hochschulambulanz für Umweltmedizin
erlebe ich täglich, wie wertvoll solche evidenzbasierten Tools sind“, sagt
Traidl-Hoffmann.
