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Wenn der Chatbot zum Therapeuten wird

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Psychotherapie und Psychoanalyse geraten unter Druck, denn Künstliche
Intelligenz wird immer mehr zur Lebensberatung genutzt. Können Chatbots
eine Psychotherapie ersetzen? Was bedeutet die Vermenschlichung von
technischen Systemen? Inwieweit kann KI die psychotherapeutische Arbeit
unterstützen und wo liegen die Grenzen? Psychoanalytikerinnen und
Psychoanalytiker diskutierten auf dem Berufspolitischen Seminar der
Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik
und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. am vergangenen Wochenende in Berlin. Es
ging um technologische Entwicklungen, ethische Fragen, wissenschaftliche
Studien und letztlich darum, was die Psychoanalyse ausmacht.



Manche geben ihnen Spitznamen wie „Uschi“ oder „Chatti“: Viele Menschen
bauen eine Beziehung zu Chatbots auf. Sie fragen die Künstliche
Intelligenz um Rat, erzählen ihnen ihre Probleme, suchen Nähe und
Bestätigung. In einer aktuellen Umfrage unter 500 Amerikanerinnen und
Amerikanern mit einer psychischen Erkrankung gab die Hälfte an, die
künstliche Intelligenz sogar als Psychotherapeut*in zu nutzen. „Dabei muss
man bedenken, dass es sich bei generativer KI um digitale Sprachmodelle
handelt, die Gefühle und Empathie nur simulieren, und dass sich dahinter
wirtschaftliche Interessen von Software-Unternehmen verbergen“, sagte Dr.
Christine Bauriedl-Schmidt, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für
Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
e.V. auf dem Berufspolitischen Seminar der DGPT am vergangenen Wochenende.
„Wenn KI in der Psychotherapie eingesetzt wird, dann sollten Standards
erarbeitet werden, die unter anderem die Sicherheit der Patientinnen und
Patienten, Qualität, Transparenz, Datenschutz und Gerechtigkeit
garantieren.“ Die Bedeutung der Künstliche Intelligenz für die
Psychotherapie und speziell für die Psychoanalyse war das Thema des
diesjährigen Berufspolitischen Seminars der DGPT in Berlin.

„Verführung der Reibungslosigkeit“
Judith Simon, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats,
betonte auf der Veranstaltung: „Vor allem Psychotherapie und die
sprechende Medizin werden durch Künstliche Intelligenz unter Druck
geraten, denn Chatbots werden hauptsächlich für Lebensberatung genutzt.“
Die Professorin für Informationstechnologie an der Universität Hamburg
listete in ihrem Vortrag Vorteile der KI auf: Sie sei niedrigschwellig und
ständig verfügbar, Patientinnen und Patienten würden weniger Scham
empfinden und bei langen Wartezeiten auf eine Psychotherapie früher
Unterstützung bekommen. Nachteil – neben möglicherweise mangelnder
Qualität und Sicherheit, bedrohtem Schutz der Privatsphäre und
unterschwelligen Benachteiligungen: „Es handelt sich um ein Riesen-
Geschäftsmodell“, so Simon. „Die KI ist so programmiert, dass die
Nutzerinnen und Nutzer möglichst viel Zeit dort verbringen sollen. Deshalb
sagt die KI ihnen auch nur das, was sie hören wollen.“ Das verführe zur
„Reibungslosigkeit“: „Personalisierte KI kann uns einlullen, sodass wir
möglicherweise nicht mehr willens sind, uns mit anderen Menschen
auseinanderzusetzen“, gab Simon zu bedenken.

KI kann negative Gefühle verstärken
Der Psychotherapie-Forscher Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen
Hochschule Berlin, informierte über die Studienlage: „Die Studien bisher
haben gezeigt, dass allgemeine Chatbots nicht geeignet sind, um sicher
Gespräche über psychische Gesundheit zu führen, insbesondere in
Krisensituationen.“ Weitere Befunde deuten darauf hin, dass Chatbots
einzelne Elemente einer Therapie, wie zum Beispiel Beruhigung, übernehmen
können, dass eine intensive Nutzung allerdings zu gefährlichen Feedback-
Schleifen führen könne. „Negative Gefühle und problematische Symptome
können dadurch verstärkt werden“, warnte Jacobi. Deshalb riet er von einer
Nutzung der KI als autonome psychotherapeutische Instanz ab und plädierte
für ein hybrides Modell, also KI als Assistenz – etwa für Diagnostik,
Monitoring, Dokumentation – oder als Co-Therapeutin, an die man bestimmte
Module delegieren könne. Denn, so Jacobi: „Wir brauchen nach wie vor die
menschliche Aufsicht.“

KI koppelt Denken vom Körper ab
Der Berliner Psychoanalytiker Dr. Moritz Senarclens de Grancy erinnerte
daran, dass für Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, das
Unbewusste das eigentlich real Psychische sei. „Freud suchte nach einer
anderen Form der Intelligenz ¬– einer, die sich nicht im bewussten
Beherrschen, sondern in der Gemengelage von Unbewusstem, Wiederholungen,
Übertragungen und Triebschicksalen bemerkbar macht.“ Die KI dagegen
reduziere Intelligenz auf Rationalität und Effizienz. Damit koppele sie
auch das Denken vom Körper ab. „Somit fehlt der Künstlichen Intelligenz
eine zentrale Dimension menschlichen Seins“, so der Psychoanalytiker.

* Bei Abdruck Beleg erbeten. *

Weitere Informationen:
Dr. Felix Hoffmann, DGPT, Tel. 030 887163930, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Über die DGPT:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik
und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. vertritt die Standes- und
Berufsinteressen ihrer ca. 3.500 psychologischen und ärztlichen Mitglieder
gegenüber der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und gegenüber der
Politik auf Bundesebene. Die DGPT versteht sich als wissenschaftliche
Fachgesellschaft und Berufsverband zugleich. Sie stellt Grundanforderungen
für die Weiterbildung an 60 staatlich anerkannten Aus- und
Weiterbildungsinstituten auf. Die DGPT ist der Spitzenverband der
psychoanalytischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für
Analytische Psychologie (DGAP), Deutsche Gesellschaft für
Individualpsychologie e.V. (DGIP), Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft
(DPG), Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) sowie des Netzwerks
Freier Institute (NFIP).