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Fotografie-Professorin Katharina Bosse und DragKing Larry Long bringen queere Position in die Bielefelder Kulturgala ein

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Über ein Jahr hat Katharina Bosse den Bielefelder Drag-King Larry Long mit
der Kamera begleitet. Aus der Kollaboration ist eine Ausstellung in ihrem
eigenen Kunstraum Elsa entstanden und eine aktuelle Schau im „Theater
Bielefeld“. Herzstück der gemeinsamen Arbeit ist allerdings die 80-seitige
Publikation „The Adventures of Larry Long“. Im Stil eines Punkzines
vermittelt das Printprodukt, was das „King“-Sein künstlerisch, politisch
und gender-theoretisch bedeutet. Am 1. März sind außerdem beide Elemente
der Arbeit Teil des Kulturgala-Programms. Und auf den Plakaten zur
Veranstaltung sieht man: Larry Long!

Bielefeld (hsbi). Das hatte die Stadt noch nicht gesehen. Im Dezember 2021
fand im Kunstraum Elsa die allererste Performance Bielefelder Drag-Artists
in Bielefeld statt. „Das war ein echter Meilenstein, denn bis dato wurden
zu hiesigen Drag-Veranstaltungen eher Künstler:innen aus Berlin
eingeladen“, erzählt Prof. Katharina Bosse, Gründerin der 2019 eröffneten
Projektgalerie und Professorin für Fotografie am Fachbereich Gestaltung
der Hochschule Bielefeld (HSBI). Nicht schlimm, findet sie, aber auch
nicht gerade förderlich für die lokale Drag-Szene.

Anlass war damals die Ausstellung „Das Herz des Löwen“ der Porträtmalerin
Martina Minette Dreier. „Aufgewachsen ist sie in Ostwestfalen, 1993 hat
sie an der damaligen FH Bielefeld ihren Abschluss gemacht und ist dann in
die Hauptstadt gezogen“, erzählt Katharina Bosse. Im Kunstraum Elsa zeigte
Dreier klassische Öl-auf-Leinwand-Porträts ihrer queeren Berliner
Wahlfamilie. „Und dazu traten dann eben die Drag-Queen Bianca Parker und
der Drag-King Larry Long aus Bielefeld auf.“

Was es bedeutet, in Westfalen ein Drag-King zu sein

So lernten Katharina Bosse und Larry Long sich kennen, in den folgenden
Jahren passierte viel, und am 1. März stehen sie nun beide zusammen auf
der Bühne des Theaters Bielefeld – im Rahmen der Kulturgala, die
alljährlich Kunsthighlights der Stadt über alle Genres hinweg präsentiert.
„Dazu habe ich auch 22 Fotografien unseres gemeinsamen Projekts
ausgewählt, die gerade im Theaterfoyer zu sehen sind“, berichtet Bosse.

„The Adventures of Larry Long“ ist jedoch nicht nur als Ausstellung
gedacht, sondern hat als entscheidendes Trägermedium ein 80-seitiges
Punkzine mit einer Auflage von 800 Exemplaren. Die Fotos darin featuren
Larry Long auf und hinter der Bühne, zeigen aber auch befreundete Drag-
Artists. Typografie und Layout sind kunstvoll-rotzig, kürzere Texte
vermitteln, was das „King“-Sein künstlerisch, politisch und gender-
theoretisch bedeutet. Dass es um weitaus mehr geht als Verkleidung und
Glamour. Auch und gerade in Ostwestfalen. „Es ist eine aktivistische
Publikation“, bringt es Katharina Bosse auf den Punkt. „Ich stelle sie zum
Beispiel kostenlos CSDs und ähnlichen Veranstaltungen zur Verfügung, und
die können sie dann gegen eine Spende weitergeben. Und es ist tatsächlich
ein Projekt von Larry und mir gemeinsam, in dem sich die klassische
Trennung von Künstlerin und Model auflöst.“

Larry Long ist als eine Art Rock-Alien – mit Iro-Tolle, Manga-Bart und
geschminktem Sixpack
Drag-Kings sind – obwohl kein neues Phänomen – innerhalb der Szene noch
immer stark unterrepräsentiert. „Mir ist es wichtig zu zeigen, dass es
auch im Drag Geschlechterungleichheiten gibt“, sagt Bosse. „Und dass es
darauf ankommt, präzise zu formulieren.“ Die von ihr vergangenes Jahr im
Kunstraum Elsa kuratierte Ausstellung „Drag *KINGS*“ bekam die Sternchen
im Titel ganz bewusst. „Denn es gibt nicht nur Kings, sondern zum Beispiel
auch Quings, Creatures und Things – diese hohe Genderfluidität will ich
sichtbar machen.“

Was ist ein Drag-King? Queere Positionen sichtbar machen!

Allgemein gesprochen, ist ein Drag-King eine Performance-Figur, die auf
der Bühne männliche Stereotypen parodiert – wobei den meisten der Personen
dahinter bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Aber
jeder King ist anders. Larry Long kommt als eine Art Rock-Alien daher.
Seine Auftritte bersten vor Energie und wirken oft wild und chaotisch. Zur
mächtigen Iro-Tolle gesellt sich ein angemalter Bart, der von Mangas
inspiriert ist. Das Gesicht ist im gleichen Stil kantig geschminkt wie
Brustmuskulatur und Sixpack. Das Outfit changiert zwischen Punk, Kink,
Trash und rebellischer Eleganz.

Diese verletzlichen Momente, wenn sich die Person in die Bühnenfigur
verwandelt

Auf Veranstaltungen ist Larry Long in der Regel der einzige Drag-King
unter sonst nur Queens. „Wir als Kings haben ganz oft das Gefühl, wir
müssen uns beweisen, wir müssen 110 Prozent geben“, sagt er in einem
Youtube-Video zur Ausstellung „Drag *KINGS*“. Von den Queens müsse daher
noch mehr Unterstützung, auch inhaltlicher Art kommen.

Doch Fortschritte zeichnen sich ab. So wurde Larry Long, der sich den Drag
während der Covid-Epidemie mithilfe von Video-Tutorials selbst beigebracht
hatte, im Januar 2024 zum „Drag Star NRW“ gekürt und setzte sich damit
gegen vier Queens durch. Die Veranstaltung im Düsseldorfer Schauspielhaus
war gleichzeitig die größte, die Katharina Bosse mit ihrer Kamera für die
„Adventures of Larry Long“ begleitete. Etwas über ein Jahr lang folgte sie
Larry zu seinen Auftritten, fotografierte wie ein „Fan-Girl“ seine
Performances, warf aber darüber hinaus intime Blicke hinter die Kulissen.
„Mich haben besonders diese verletzlichen Momente interessiert, wenn sich
die Person in die Bühnenfigur verwandelt“, sagt Bosse. Auch bei Larry
zuhause durfte sie Aufnahmen machen.

Reportagefotografin in New York und erste Chronistin des „New Burlesque“

Mit ihrer ganz eigenen Haltung aus Offenheit, Respekt, Wärme und Akzeptanz
ist ihr so eine äußerst authentische Reportage gelungen. „Im Zeitalter von
generischer KI hat das natürlich noch mal einen besonderen Wert“, sagt
Katharina Bosse. „Und umsetzen konnte ich das nur, weil ich ein Sabbatical
genommen hatte.“

„The Adventures of Larry Long“ waren für die HSBI-Professorin gleichsam
ein Throwback in die Zeit der Jahrtausendwende. „Da habe ich in New York
gelebt und war ziemlich erfolgreich mit meiner Reportagefotografie“, sagt
Bosse. Sie veröffentlichte ihre Bilder im New Yorker und dem New York
Times Magazine und stellte aus im Museum of Modern Art und der Mary Boone
Gallery. „Zu der Zeit war ich auch in queeren Trendbars unterwegs, schon
weil man dort als junge Frau nicht ständig angebaggert wurde, und habe
viele Drag-Performances gesehen.“ 2003 erschien ihr Buch „New Burlesque“ –
das erste überhaupt, das sich speziell mit diesem Thema beschäftigte.

Das Engagement für feministische und queere Sichtbarkeit trägt Früchte

In eben jenes Jahr fiel dann auch ihre Berufung zur Professorin in
Bielefeld, wo sie ihren feministischen Diskurs rund um Queerness und
Genderzeichen fortsetzte. So ist letztlich auch der Kunstraum Elsa ein
Stück East Village, das in Bielefeld eine ganz eigene Gestalt angenommen
hat. „New York war für mich Heimat, genau wie es Bielefeld jetzt ist, doch
ein solcher Ort hat mir hier gefehlt“, sagt Katharina Bosse. „Die
Förderung des Frauenanteils in der Kunst und das Ausbauen von Netzwerken
sind dabei ein zentraler Bestandteil der Arbeit.“

Mit der Einladung zur diesjährigen Kulturgala trägt dieses Engagement nun
Früchte – und das sorgt überall in der Stadt für Sichtbarkeit. Denn auf
dem Plakat zur Veranstaltung sieht man niemand anderen als: Larry Long.