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Selten ist nicht gleich unbedeutend

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Zum Tag der Seltenen Erkrankungen am 28. Februar rücken Krankheiten in den
Fokus, die jede für sich selten sind, in der Summe jedoch viele Familien
betreffen. An der Universität Bielefeld erforschen mehrere Arbeitsgruppen
Formen von seltenen Erkrankungen, speziell sogenannte lysosomale
Speichererkrankungen. Die Bielefelder Forschungserkenntnisse eröffnen neue
Perspektiven, auch für Volkskrankheiten wie Parkinson oder Demenz.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:
•       Am 28. Februar ist der Tag der Seltenen Erkrankungen.
Wissenschaftler der Universität Bielefeld erforschen diese.
•       Diese Erkrankungen betreffen als Gruppe etwa 1 von 8.000
Neugeborenen und sind damit insgesamt nicht so selten, wie der Name
vermuten lässt.
•       Bielefelder Forschung liefert wichtige Ansätze für Therapien, auch
mit Blick auf häufige neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson oder
Demenz.

„Seltene Erkrankungen sind für uns kein Randthema, sondern ein Schlüssel
um grundlegende biologische Prozesse zu verstehen“, sagt Professor Dr.
Michael Schwake von der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Kolleg*innen
untersucht der Biochemiker genetisch bedingte Erkrankungen, bei denen
winzige Veränderungen im Erbgut gravierende Folgen haben.

Bielefelder Forschende arbeiten etwa zu seltenen sogenannten „lysosomalen
Speichererkrankungen“. Lysosomen sind die „Recyclinghöfe“ unserer Zellen:
Dort zerlegen spezialisierte Enzyme große Moleküle in ihre Bausteine.
Fehlt eines dieser Enzyme, stauen sich Abbauprodukte an und Zellen
verlieren ihre Funktion. Besonders empfindlich reagieren Nervenzellen, die
sich kaum erneuern können.

Wenn Recycling in der Zelle versagt
Zu diesen Erkrankungen zählt etwa Morbus Gaucher. Hier fehlt das Enzym
Glucocerebrosidase. Die Folge: Bestimmte Abbauprodukte lagern sich in
Fresszellen (Makrophagen) an, die sich in Organen wie Leber und Milz
sammeln. Für einige Formen existiert eine Enzymersatztherapie. Andere
Varianten betreffen jedoch auch das Nervensystem und sind bislang kaum
behandelbar. „Spannend ist, dass eine Funktionsbeeinträchtigung dieses
Enzyms auch mit Parkinson in Verbindung steht“, erklärt Schwake. „Wenn wir
verstehen, wie wir das Enzym aktivieren können, eröffnet das
möglicherweise neue Wege für bestimmte Parkinson-Patienten.“

Seine Arbeitsgruppe setzt dabei auf sogenannte Chaperone. Das sind
molekulare „Faltungshelfer“, die fehlerhafte Proteine stabilisieren,
aktivieren oder beides. Ebenso wichtig sind moderne Gentherapien. Es gibt
Verfahren, bei denen Viren als Transportvehikel dienen, um gesunde Gene in
Zellen einzuschleusen. Andere Ansätze greifen gezielt in die Gensteuerung
ein und korrigieren fehlerhafte Bauanleitungen. Beide Varianten testen die
Forschenden zunächst in Zellmodellen, um ihre Wirksamkeit nachzuweisen –
ein sogenannter „Proof of Concept“.

Auch Biochemiker Professor Dr. Torben Lübke erforscht lysosomale
Erkrankungen wie die Fucosidose oder verschiedene Mucopolysaccharidosen.
Weltweit sind nur wenige hundert Fälle der Fucosidose dokumentiert. „Viele
Kinder entwickeln sich zunächst unauffällig und verlieren dann erlernte
Fähigkeiten“, berichtet er, während andere Kinder schon bei der Geburt
schwer betroffen sind. Seine Arbeitsgruppe entschlüsselt die molekularen
Ursachen und prüft Therapieansätze in Modellsystemen, um sie langfristig
in die klinische Anwendung zu überführen.

Von ultraselten zu weit verbreitet
Biochemie-Professor Dr. Markus Damme richtet den Blick auf Gene wie
TMEM106B oder GRN. Mutationen in diesen Genen führen zu ultraseltenen
lysosomalen Erkrankungen. Gleichzeitig erhöhen häufigere Varianten das
Risiko für die frontotemporale lobäre Degeneration – die zweithäufigste
Demenzform nach Alzheimer. „Wenn wir die Funktion dieser Proteine
verstehen, begreifen wir auch besser, warum Nervenzellen bei Demenz
zugrunde gehen“, sagt Damme.

All diese Projekte zeigen, „selten“ bedeutet nicht unbedeutend. Wer
seltene Erkrankungen versteht, versteht oft auch die Mechanismen häufiger
Krankheiten besser und öffnet Perspektiven weit über die kleine
Betroffenengruppe hinaus. In der Region Ostwestfalen-Lippe profitieren
Betroffene zudem von spezialisierten Einrichtungen wie dem
Epilepsiezentrum am Evangelischen Klinikum Bethel als Teil des
Universitätsklinikums OWL der Universität Bielefeld, das Patient*innen und
Familien oft über viele Jahre umfassend betreut.

Einschätzung von Professor Dr. Michael Schwake zum Thema
„Was diese Forschung so besonders macht, ist ihre doppelte Relevanz: Wir
arbeiten an Erkrankungen, die für einzelne Familien dramatisch sind und
dringend neue Therapien brauchen. Gleichzeitig gewinnen wir Erkenntnisse,
die weit über diese seltenen Diagnosen hinausreichen. Dass wir hier in
Bielefeld mehrere Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Perspektiven
bündeln, ist ein starkes Signal für die Region und für die internationale
Forschung.“