Süchtig nach Social Media? Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe ordnet Risiken ein.
Aktuellen Ergebnissen einer Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit und des
Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zufolge nutzen mehr als ein
Viertel der 10- bis 17-Jährigen Social Media in einem riskanten oder sogar
krankhaften Ausmaß. Doch warum sind solche Plattformen so faszinierend und
weshalb fällt das Aufhören vielen so schwer? Jan Michael Rasimus, Leiter
des Eye-Tracking-Labors an der Dualen Hochschule (DHBW) Baden-Württemberg
Karlsruhe, ordnet die Debatte ein.
Worin liegt das Suchtpotenzial von Social Media?
Rasimus: Das Suchtpotenzial hängt eng mit dem Geschäftsmodell zusammen.
Plattformen optimieren auf Verweildauer und Interaktionen. Beides dient
der Datenmaximierung. Daraus entstehen Designmechanismen wie Endlos-
Scrollen, Autoplay, Push-Nachrichten, stark individualisierte Algorithmen
und reizintensive Kurzvideos, die das Zeitgefühl aushebeln. Nicht jede
Plattform nutzt diese Muster gleichermaßen stark, das Prinzip ist aber
durchaus verbreitet.
Wann wird Social Media-Konsum krankhaft?
Rasimus: Krankhaft wird es nicht durch „zu viel Zeit auf Social Media“,
sondern durch ein klares Muster aus drei Kernmerkmalen: Erstens
Kontrollverlust -Dauer und Häufigkeit lassen sich kaum noch steuern,
zweitens Priorisierung - Social Media verdrängt Schlaf, Schule/Arbeit,
Hobbys oder soziale Kontakte und drittens Weitermachen trotz negativer
Folgen - Konflikte, Leistungsabfall, Stress, Stimmungseinbrüche. Eine
offiziell eigenständige Diagnose „Social-Media-Sucht“ ist bislang nicht
etabliert; die Logik ähnelt jedoch der von der WHO definierten „Gaming
Disorder“. Die reine Bildschirmzeit ist somit kein Beweis, kann aber ein
frühes Warnsignal sein, wenn sie mit den genannten Anzeichen
zusammenfällt.
Sind Jüngere besonders gefährdet?
Rasimus: Ja, denn Selbstkontrolle und Impulshemmung sind bei ihnen noch in
der Entwicklung. Der präfrontale Kortex im vorderen Teil des Gehirns, der
für Planung und Kontrolle wichtig ist, reift erst im jungen
Erwachsenenalter vollständig aus. Gleichzeitig wirken in sozialen
Netzwerken die Angst, etwas zu verpassen (Fear of Missing Out (FOMO)), und
das Lustprinzip besonders stark.
Warum reagiert das Gehirn so stark auf Social Media?
Rasimus: Social Media nutzt die antizipatorische Erwartung des Gehirns,
also die Vorfreude auf eine Belohnung. Durch die Unvorhersehbarkeit der
Reize bleibt diese Erwartung ständig aktiviert. Das Gehirn wird immer
wieder neu zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin angeregt und sucht
dabei ständig nach dem nächsten „Treffer” oder nach sozialer Bestätigung.
Dieser Prozess kann das Risiko für zwanghaftes Nutzungsverhalten deutlich
erhöhen.
Verstoßen Social-Media-Plattformen damit gegen EU-Recht?
Rasimus: Die Europäische Kommission untersucht derzeit unter anderem
mögliche Verstöße gegen den Digital Services Act (DSA), etwa durch
„suchterzeugendes Design“. Im Kern geht es darum, ob Plattformen so
gestaltet sind, dass sie insbesondere junge Menschen zu einer
problematischen Nutzung verleiten oder ihre psychische Gesundheit
schädigen können. Das erhöht den Druck, Risiken nicht nur zu benennen,
sondern nachweisbar zu reduzieren.
Wäre eine Altersgrenze für Social Media die richtige Lösung?
Rasimus: Reine Altersgrenzen würden das Problem aus meiner Sicht lediglich
hinauszögern, nicht aber lösen. Social Media sollte weder als Spielerei
noch als Freizeitphänomen missverstanden werden, sondern als längst
etablierte Infrastruktur unserer Lebens- und Arbeitswelt. Sinnvoll
erscheint mir daher der Ansatz, bestehende Regeln konsequent durchzusetzen
und die großen Anbieter auch hinsichtlich des Designs ihrer Plattformen
noch stärker in die Verantwortung zu nehmen. Gleichzeitig gilt es aber
auch, junge Menschen frühzeitig und konsequent an die Gefahren, aber auch
das immense Potenzial von Social Media zur Vernetzung und
Wissensgenerierung heranzuführen. Es geht also insbesondere darum, die
Infrastruktur mitzugestalten und Digitalkompetenz als
Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts zu begreifen, um die
notwendigen „Future Skills“ für eine digitale Gesellschaft
schnellstmöglich aufzubauen.
