Zwischen Turnhalle und Touchscreen
E-Sport statt Fußballplatz? Künstliche Intelligenz im Jugendamt? Und
mittendrin die Debatte um ein Social-Media-Verbot: Digitale Lebenswelten
verändern die Soziale Arbeit grundlegend. Prof. Dr. Rainer Schliermann von
der OTH Regensburg zeigt auf, wo Chancen liegen und wo klare Grenzen
notwendig sind.
Während Politik und Gesellschaft über Bildschirmzeiten, ein Social-Media-
Verbot und die Auswirkungen digitaler Medien auf junge Menschen
diskutieren, steht auch die Soziale Arbeit vor grundlegenden Fragen: Wie
geht ein Berufsfeld, das von Beziehung, Nähe und direkter Interaktion
lebt, mit E-Sport, Künstlicher Intelligenz und digitalen Räumen um?
Für Prof. Dr. Rainer Schliermann von der Fakultät Sozial- und
Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg ist klar: Die digitale
Lebenswelt junger Menschen darf in der Sozialen Arbeit weder ignoriert
noch unkritisch übernommen werden. „Wir müssen neugierig bleiben, aber
professionell reflektiert“, betont er.
E-Sport als Jugendarbeit?
Gerade beim Thema E-Sport scheiden sich die Geister – in der
Sportwissenschaft ebenso wie in der Sozialen Arbeit. „Nach klassischem
Verständnis setzt Sport eine relevante körperliche Aktivität und einen
entsprechenden Energieumsatz voraus“, erklärt Prof. Dr. Schliermann.
Gleichzeitig sei unübersehbar, dass digitale Spiel- und Wettbewerbsformate
für viele Jugendliche selbstverständlicher Bestandteil ihres Alltags sind.
In der Praxis könnten E-Sport-Angebote beispielsweise in Jugendzentren als
ergänzende Freizeit- und Begegnungsform dienen. Sie eröffnen neue Zugänge
zu Zielgruppen, die über klassische Bewegungsangebote nur schwer
erreichbar seien.
Gleichzeitig mahnt Prof. Dr. Schliermann zur Differenzierung. Studien
zeigen seit Jahren, dass sich Kinder und Jugendliche zu wenig bewegen und
motorische Grundfertigkeiten tendenziell abnehmen. „Digitale Angebote
dürfen reale Bewegungsräume nicht ersetzen“, so der Professor. Auch
Rückzugstendenzen in digitale Subkulturen oder ein möglicher
Kontrollverlust bei exzessiver Nutzung seien Aspekte, die Fachkräfte im
Blick behalten müssten. Wissenschaftlich stehe das Themenfeld insgesamt
noch am Anfang – sowohl mit Blick auf Potenziale als auch auf Risiken.
Künstliche Intelligenz: Unterstützung statt Ersatz
Auch Künstliche Intelligenz spielt in der Sozialen Arbeit bislang eine
untergeordnete Rolle. Perspektivisch sieht Prof. Dr. Schliermann vor allem
Potenzial in administrativen Bereichen, etwa bei Dokumentations- oder
Organisationsaufgaben.
Für die direkte pädagogische Arbeit seien die Konzepte derzeit jedoch noch
wenig ausgereift. „Beziehungsarbeit lässt sich nicht automatisieren“,
stellt er klar. Soziale Arbeit bleibe ein Berufsfeld, das wesentlich von
Empathie, Vertrauen und persönlicher Interaktion geprägt sei.
Ein Berufsfeld im Wandel
Die Auseinandersetzung mit digitalen Lebenswelten wird die Soziale Arbeit
künftig noch stärker prägen. An der Fakultät Sozial- und
Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg werden entsprechende
Fragestellungen daher zunehmend in Lehre und fachlicher Diskussion
aufgegriffen. Ziel ist es, Studierende darauf vorzubereiten, digitale
Entwicklungen kritisch zu reflektieren und professionell einzuordnen.
Zwischen Turnhalle und Touchscreen zeigt sich: Die Soziale Arbeit steht
nicht vor einem Entweder-oder. Vielmehr geht es darum, neue digitale
Formate verantwortungsvoll zu integrieren, ohne den Kern des Berufs aus
dem Blick zu verlieren.
