S3-Leitlinie onkologische Ernährungsmedizin aktualisiert: keine Empfehlungen für Krebsdiäten
Die im Leitlinienprogramm Onkologie aktualisierte S3-Leitlinie „Klinische
Ernährung in der Onkologie“ spricht sich gegen restriktive Diäten bei
Krebs aus. Sogenannte Krebsdiäten und Fastenprogramme sind nicht geeignet,
betonen die an der Leitlinie beteiligten Fachgesellschaften. Studien
zeigen keinen Nutzen, aber ein hohes Risiko für Mangelernährung – was bei
Krebspatient*innen zum Tod führen kann.
Durch eine Krebserkrankung oder -therapie verlieren viele Menschen
Gewicht. Dann ist es besonders wichtig, einer Mangelernährung vorzubeugen.
Denn der Ernährungszustand hat einen Einfluss auf den Erkrankungsverlauf
und auf die Therapie: „Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, drohen
Komplikationen, Therapieversagen und im schlimmsten Fall der Tod durch
Mangelernährung“, sagt Professorin Jutta Hübner vom Universitätsklinikum
Jena. Gemeinsam mit Dr. Jann Arends, Universitätsklinikum Freiburg, und
Professorin Diana Rubin, Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin, koordinierte
sie die Aktualisierung der Leitlinie.
Krebsdiäten und Fasten sind gefährlich
Krebsbetroffene bekommen von Laien viele Ratschläge zu ihrer Ernährung.
Mit elf Empfehlungen ordnet die Leitlinie besondere Ernährungsformen wie
vegane, ketogene Ernährung oder die sogenannte Krebsdiät nach Breuß nun
kritisch ein.
„Für vegetarische oder vegane Ernährung fehlt noch die Evidenz, um eine
Empfehlung dafür oder dagegen auszusprechen. Bis verlässliche Studien
vorliegen, ist für onkologische Patient*innen eine sorgfältige Planung
zwingend erforderlich, um Mangelernährung zu vermeiden“, so Hübner. „Was
sogenannte ‚Krebsdiäten‘ angeht: In der Leitlinie wird von strikten
Diätvorschriften abgeraten. Sie schränken die Ernährung ein und bergen
damit das Risiko von Mangelernährung und Gewichtsverlust. Dazu zählen
Fasten, ketogene Diäten sowie die Diäten nach Budwig und Breuß.“
Bislang belegten Studien für diese Ernährungsformen keinen positiven
Nutzen – durch die Nahrungsrestriktionen kann es vielmehr zu
Mangelernährung kommen.
Neu: Ernährungstherapie bei operativer Tumortherapie
Im Zuge der Überarbeitung wurde ein neues Kapitel zur Ernährung bei
operativer Tumortherapie aufgenommen. Die zwölf neuen Empfehlungen sehen
unter anderem vor, dass der Ernährungsstatus vor und nach größeren
onkochirurgischen Eingriffen mehrfach erhoben wird. Patient*innen, die
voraussichtlich über mehrere Tage nach der Operation keine feste Nahrung
zu sich nehmen können, sollen umgehend künstlich ernährt werden. Für die
präoperative Phase empfiehlt die Leitlinie unter anderem, dass
Patient*innen mit hohem Risiko – etwa bei starkem Gewichtsverlust
innerhalb kurzer Zeit – zunächst eine Ernährungstherapie erhalten sollten,
auch wenn sich dadurch der Operationstermin verschiebt.
Empathische Kommunikation: Ernährung in der Palliativsituation
In der Palliativversorgung soll die Lebensqualität von Patient*innen mit
nicht-heilbaren Krebserkrankungen verbessert oder erhalten werden – eine
differenzierte Ernährungstherapie kann hierzu beitragen. Neu ist die
Empfehlung, wiederholt zu prüfen, ob eine enterale oder parenterale
Ernährung noch dem Therapieziel entspricht. Diese Entscheidung soll
regelmäßig gemeinsam mit den Betroffenen und Betreuenden evaluiert und bei
Bedarf neu getroffen werden.
„Entscheidet sich eine an Krebs erkrankte Person, die Ernährung
einzustellen, kann das zu Konflikten mit den Angehörigen führen. Es ist
eine schwierige Situation“, so Hübner. „Um diese psychischen und
physischen Belastungen durch die unterschiedlichen Wünsche zu vermeiden,
empfehlen wir in der Leitlinie, dass das zuständige Fachpersonal proaktiv,
klar und empathisch mit den Beteiligten kommuniziert.“
In den Phasen der Palliativversorgung sollten bei Ernährungsstörungen
stets qualifizierte Ernährungsfachkräfte hinzugezogen werden, so die
Empfehlung aus der Leitlinie.
Ausblick: nächster Aktualisierungsschritt anstehend
Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ wurde nach zehn
Jahren aktualisiert – und in diesem Prozess erstmalig ins onkologische
Leitlinienprogramm der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. (DKG) überführt.
Die Leitlinie entstand unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft
für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM), der Deutschen Gesellschaft für
Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. (DGHO) sowie der DKG,
vertreten durch die Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin
in der Onkologie und unter Mitwirkung von 43 weiteren Fachgesellschaften
und Organisationen. Finanziert wurde die Erstellung der Leitlinie von der
Deutschen Krebshilfe im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie.
Im nächsten Aktualisierungsschritt sollen weitere Themen wie die Ernährung
bei Radio- und systemischer Tumortherapie, allgemeine Ernährungsthemen
oder das Screening auf Mangelernährung erneut aufgegriffen und umfassend
überarbeitet werden.
Die neue S3-Leitlinie ist auf dieser Webseite abrufbar https://www
.leitlinienprogramm-onkologie.
ernaehrungsmedizin-in-der-onko
https://hub.leitlinienprogramm
Zudem sind die Inhalte in der kostenfreien Leitlinien-App integriert.
Weitere Informationen unter: https://www.leitlinienprogramm
onkologie.de/app/
Das Leitlinienprogramm Onkologie
Leitlinien sind systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für
Leistungserbringer und Patient*innen zur angemessenen Vorgehensweise bei
speziellen Gesundheitsproblemen. Sie stellen ein wesentliches Instrument
zur Förderung von Qualität und Transparenz medizinischer Versorgung dar.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF), die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. und die
Deutsche Krebshilfe haben sich mit dem im Februar 2008 gestarteten
Leitlinienprogramm Onkologie das Ziel gesetzt, gemeinsam die Entwicklung
und Fortschreibung sowie den Einsatz wissenschaftlich begründeter und
praktikabler Leitlinien in der Onkologie zu fördern und zu unterstützen.
Mittlerweile umfasst das Leitlinienprogramm 37 S3-Leitlinien, die zu einem
großen Teil auch als laienverständliche Patientenleitlinien vorliegen.
Mehr unter: https://www.leitlinienprogramm
Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM)
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) ist die
medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ernährungsmedizin in
Deutschland. Sie ist eine multidisziplinäre Vereinigung aller
Berufsgruppen, die sich mit Ernährungsmedizin befassen. Die Gesellschaft
vereint mehr als 3000 Ärztinnen und Ärzte sowie Ernährungs- und
Pflegefachkräfte und Apothekerinnen und Apotheker – Expertinnen und
Experten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die
ernährungsmedizinisch forschen, lehren, behandeln und beraten.
Die DGEM fördert Wissenschaft, Praxis und Aus- und Weiterbildung auf dem
Gebiet der Ernährungsmedizin und Stoffwechselforschung. Regelmäßig
veranstaltet sie Fortbildungskurse und Kongresse, um Kenntnisse und
Erfahrungen nutzbar zu machen und den interdisziplinären Austausch zu
anderen in- und ausländischen Institutionen, die auf diesem Gebiet
arbeiten, aufzunehmen und zu vertiefen. Sie schreibt Stipendien und
Forschungsgelder für die Grundlagenforschung und die klinisch angewandte
Forschung aus.
Informationen unter: https://www.dgem.de/
Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO)
Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V.
(DGHO) besteht seit 88 Jahren und hat heute mehr als 4.500 Mitglieder, die
in der Erforschung und Behandlung hämatologischer und onkologischer
Erkrankungen tätig sind. Mit ihrem Engagement in der Aus-, Fort- und
Weiterbildung, dem Onkopedia-Projekt, mit der Wissensdatenbank und der
Durchführung von Fachtagungen und Fortbildungsseminaren sowie mit ihrem
gesundheitspolitischen Engagement fördert die Fachgesellschaft die
hochwertige Versorgung von Patient*innen im Fachgebiet. In mehr als 30
Themen-zentrierten Arbeitskreisen engagieren sich die Mitglieder für die
Weiterentwicklung der Hämatologie und der Medizinischen Onkologie.
Informationen unter: https://www.dgho.de/
