Von lebensbedrohlicher Blutungsgefahr zur Krankheitskontrolle
Gemeinsamer Therapieerfolg aus Magdeburg und Freiburg: Neuer
Immuntherapie-Ansatz ermöglicht Patientin mit seltener Blutkrankheit ein
Leben ohne Dauertherapie
Ein gemeinsames Team der Universitätsmedizin Magdeburg und der
Universitätsklinik Freiburg konnte eine Patientin mit einer besonders
schweren Form der seltenen Blutkrankheit Immunthrombozytopenie (ITP)
erfolgreich behandeln.
Zum Einsatz kam ein sogenannter T-Zell-Engager –
ein aus der modernen Krebstherapie bekannter Wirkstoff, der hier erstmals
genutzt wurde, um gezielt in die fehlgeleitete Immunantwort bei ITP
einzugreifen.
Alle zuvor eingesetzten Therapien hatten bei der Patientin keine
nachhaltige Wirkung gezeigt. Der neue Therapieansatz ermöglichte erstmals
eine anhaltende Krankheitskontrolle – ohne dass sie dauerhaft Medikamente
einnehmen muss. Über diesen außergewöhnlichen Fall berichtet das Team nun
im renommierten Fachjournal The Lancet.
Die Immunthrombozytopenie ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der
das Immunsystem die eigenen Blutplättchen angreift und zerstört.
Blutplättchen sind essenziell für die Blutgerinnung und den
Wundverschluss. Sinkt ihre Zahl stark ab, kann es bereits bei kleineren
Verletzungen zu schweren, potenziell lebensbedrohlichen Blutungen kommen.
Während viele Betroffene auf Standardtherapien ansprechen, bleibt die
Erkrankung bei einem Teil der Patientinnen und Patienten trotz intensiver
Behandlung unkontrolliert – so auch bei der nun beschriebenen Patientin
über mehrere Jahre.
In dieser Situation entschied sich das Behandlungsteam für den Einsatz
eines T-Zell-Engagers. Diese Wirkstoffe gehören zu einer neuen Klasse
immuntherapeutischer Medikamente. Sie stellen eine gezielte Verbindung
zwischen körpereigenen Abwehrzellen – den T-Zellen – und
krankheitsverursachenden Immunzellen, insbesondere Plasmazellen, her. Auf
diese Weise können T-Zellen die entarteten Plasmazellen selektiv
eliminieren. Nach der Behandlung erreichte die Patientin stabile Blutwerte
und benötigt aktuell keine dauerhafte Therapie mehr.
Standortübergreifende Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg
„Eine derart anhaltende Krankheitskontrolle bei einer so intensiv
vorbehandelten ITP ist außergewöhnlich“, sagt Prof. Dr. med. Jesus Duque-
Afonso von der Universitätsklinik Freiburg, der die Patientin seit Jahren
betreut. „Der Therapieerfolg ist das Ergebnis einer engen und
vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen den Teams beider Standorte. Die
Verbindung aus klinischer Erfahrung, immunologischer Expertise und
translationaler Forschung war entscheidend“, betont Prof. Dr. med.
Dimitrios Mougiakakos, Direktor der Universitätsklinik für Hämatologie,
Onkologie und Zelltherapie Magdeburg. „Der Fall zeigt das Potenzial
gezielter T-zellbasierter Immuntherapien auch jenseits der Krebsmedizin.“
„Unser nächstes gemeinsames Ziel ist es zu verstehen, welche
immunologischen Veränderungen nach der Behandlung stattfinden und warum
der Therapieerfolg so nachhaltig ist“, ergänzt Prof. Dr. med. Robert
Zeiser, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere
Medizin I am Universitätsklinikum Freiburg.
Weltweit existieren bislang nur sehr wenige Berichte über den Einsatz von
T-Zell-Engagern bei Autoimmunerkrankungen. Solche Wirkstoffe werden bisher
vor allem in der Krebsmedizin eingesetzt. Die Forschenden betonen jedoch,
dass weitere große, kontrollierte klinische Studien notwendig sind, um
Wirksamkeit, Sicherheit und langfristige Effekte dieses Ansatzes
systematisch zu untersuchen.
Die Universitätsmedizin Magdeburg zählt international zu den wenigen
Standorten mit substantieller klinischer Erfahrung in der Anwendung
T-zellbasierter Immuntherapien auch bei schweren Autoimmunerkrankungen und
treibt deren translationale Weiterentwicklung systematisch voran. Der
erfolgreiche Therapieverlauf unterstreicht zugleich die Bedeutung des neu
gegründeten Magdeburger Zentrums für Zell- und Immuntherapien (MAZI) als
Plattform für innovative, interdisziplinäre Immuntherapie-Konzepte aus
Sachsen-Anhalt.
