Herkunft bleibt für Bildungslaufbahnen entscheidend: Vergleichende Einblicke aus neun europäischen Ländern
Im EU-geförderten Forschungsprojekt LEARN ist der erste umfassende Bericht
mit empirischen Ergebnissen aus allen beteiligten Ländern erschienen. Mit
ihrem Arbeitspapier „Spatial contexts and educational inequalities in
European countries“ liefern Prof. Dr. Corinna Kleinert und Dr. Felix
Bittmann vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) eine Synthese
der neun Länderstudien. Der Bericht zeigt, welche Faktoren Ungleichheiten
in Europa besonders antreiben – und wo Reformen ansetzen können.
Im Fokus steht die Frage, wie soziale Herkunft, räumliche Kontexte und
institutionelle Rahmenbedingungen die Bildungslaufbahnen junger Menschen
prägen. Die Fallstudien im Rahmen des LEARN-Projekts umfassen neun
europäische Länder: Deutschland, die Schweiz, Estland, Finnland, Irland,
Italien, die Niederlande, Rumänien und das Vereinigte Königreich.
Basierend auf hochwertigen längsschnittlichen Survey- und Registerdaten
zeigen die Forschenden:
Soziale Herkunft bleibt stärkster und beständigster Prädiktor für
Bildungserfolg
Unabhängig vom jeweiligen nationalen Kontext bleibt der sozioökonomische
Hintergrund der zuverlässigste Prädiktor dafür, welche Bildungswege
eingeschlagen und welche Abschlüsse erreicht werden. Zwar spielt auch die
soziale Zusammensetzung räumlicher Kontexte wie Schulumfeld, Klasse oder
Nachbarschaft eine Rolle, doch fallen ihre Effekte deutlich moderater aus.
Gleichwohl zeigen die Ergebnisse, dass solche Kontexte
Bildungsungleichheiten durchaus verstärken oder abschwächen können.
Institutionelle Strukturen können Ungleichheiten verstärken oder dämpfen
Eine entscheidende Rolle kommt dabei den institutionellen
Rahmenbedingungen zu. Besonders Bildungssysteme mit früher
Leistungsselektion, wie das deutsche Schulsystem, bieten weniger
Möglichkeiten, soziale Ungleichheiten im späteren Bildungsverlauf
auszugleichen. In einem durchlässigeren System können eine gute Schule
oder ein unterstützendes Umfeld soziale Nachteile des Elternhauses eher
ausgleichen. In einem stark gegliederten System hingegen wirkt die Schule
oft wie ein Verstärker: Sie zementiert die vorhandenen Unterschiede, und
erschwert es den Betroffenen durch die frühe Festlegung, diese später aus
eigener Kraft zu korrigieren.
Was Bildungspolitik jetzt tun kann
Für die Bildungspolitik leitet die Synthese klare Empfehlungen ab:
Wirksame Maßnahmen gegen Bildungsungleichheiten müssen früh ansetzen, etwa
durch gezielte Förderung in Kindergarten und Grundschule. Ebenso zentral
ist die Gestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen – von
durchlässigeren Übergängen zwischen Bildungsgängen bis hin zu Maßnahmen,
die der Wohn- und Schulsegregation entgegenwirken. Nur durch ein
Zusammenspiel früher Förderung, inklusiver Strukturen und aktiver
Steuerung können die bestehenden Ungleichheiten nachhaltig verringert
werden.
Über LEARN
Das internationale Konsortium untersucht Bildungsungleichheiten aus einer
europaweiten Perspektive und vereint Expertise aus Bildungsforschung,
Sozialwissenschaften, Psychologie und Ökonomie.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.lifbi.de/de-
de/Start/Institut/Personen/Per
Dr. Corinna Kleinert
https://www.lifbi.de/de-
de/Start/Institut/Personen/Per
Felix Bittmann
Originalpublikation:
Spatial contexts and educational inequalities in European countries
https://www.doi.org/10.5281/ze
