Nur schnelle Kurskorrekur kann “Treibhaus-Erde” verhindern
Internationales Team veröffentlicht Appell in Fachjournal
Durch verschiedene Faktoren haben sich in den vergangenen Tausenden und
Millionen von Jahren Warm- und Eiszeiten auf der Erde abgewechselt. Dieses
System könnte durch menschlichen Einfluss ins Wanken geraten, davor warnen
Forschende bereits seit Jahrzehnten. Die Stimmen werden nun aber lauter.
Ein Team um Forschende der Oregon State University (USA), an dem auch
Thomas Westerhold vom MARUM beteiligt ist, fordern nun in einem Kommentar
deutliche Kurskorrekturen in der Klimapolitik.
Der heute in der Fachzeitschrift One Earth veröffentlichte Artikel „The
risk of a hothouse Earth trajectory” (Das Risiko einer Entwicklung zur
Treibhauserde) ist die Analyse einer internationalen Zusammenarbeit unter
der Leitung von William Ripple von der Oregon State University, die
wissenschaftliche Erkenntnisse über Klimarückkopplungsschleifen und 16
Kippelemente – Subsysteme der Erde, die bei Überschreiten kritischer
Temperaturschwellen an Stabilität verlieren können – zusammenfasst. Ihr
Fazit: Mehrere Komponenten des Erdsystems sind näher an einer
Destabilisierung als bisher angenommen. Dadurch ist der Planet einem
erhöhten Risiko einer „Treibhaus“-Entwicklung ausgesetzt, die durch
Rückkopplungsschleifen angetrieben wird. Diese könnten die Folgen der
globalen Erwärmung verstärken, heißt es in dem Artikel.
„Nach einer Million Jahren, in denen sich Eiszeiten und wärmere Perioden
abwechselten, stabilisierte sich das Klima der Erde vor mehr als 11.000
Jahren, was die Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften ermöglichte“,
sagt Erstautor Prof. William Ripple. „Wir entfernen uns zunehmend von
dieser Stabilität und könnten in eine Phase beispielloser
Klimaveränderungen eintreten.“
Diese starken Veränderungen könnten zu einer Kaskade von Wechselwirkungen
zwischen den Subsystemen führen, die den Planeten auf einen Weg zu
extremer Erwärmung und einem Anstieg des Meeresspiegels bringen würden,
heißt es in dem Artikel – Bedingungen, die selbst mit tiefgreifenden
Emissionsreduktionen auf menschlicher Zeitskala nur schwer umkehrbar
wären.
Dr. Thomas Westerhold vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften
der Universität Bremen ist einer der Autor:innen des Kommentars. Von ihm
und Kolleg:innen stammt auch die Klimareferenzkurve CENOGRID, in der
Klimadaten aus 66 Millionen der Erdgeschichte abgebildet wird.
„Wir könnten den Planeten überbelasten. Wenn wir nicht schnell von diesem
„Treibhaus“-Kurs abweichen, könnte das globale Klima in einen Zustand
geraten, den es seit sehr vielen Millionen von Jahren nicht mehr gegeben
hat. Die Ökosysteme sind an diese Bedingungen nicht angepasst und werden
sich aufgrund der beispiellosen Geschwindigkeit der durch menschliche
Aktivitäten verursachten Veränderungen wahrscheinlich auch nicht daran
anpassen können. Klimadaten aus den vergangenen 66 Millionen Jahren
zeigen, dass das Klima der Erde über Millionen von Jahren hinweg
dramatischen Schwankungen unterworfen war. Aufgrund steigender
anthropogener Treibhausgasemissionen und schrumpfender Eisschilde treten
wir jedoch in eine neue und ungewisse Phase ein. Die derzeitige
Geschwindigkeit der Klimaveränderungen sind beispiellos schnell und
außerhalb der natürlichen Schwankungen, die wir aus den vergangenen 66
Millionen Jahren kennen“, sagt Thomas Westerhold.
Zu den Kippelementen gehören die Eisschilde in der Antarktis und Grönland,
Gebirgsgletscher, Meereis, boreale Wälder und Permafrost, der Amazonas-
Regenwald und die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC), ein
System von Meeresströmungen, das einen entscheidenden Einfluss auf das
globale Klima hat. Die Forschenden beziehen sich auf das Pariser
Klimaabkommen, das darauf abzielte, die langfristige durchschnittliche
Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu
begrenzen. Sie stellen fest, dass fast zehn Jahre nach dem Abkommen der
globale Temperaturanstieg zwölf Monate in Folge 1,5 Grad Celsius
überschritten hat – ein Zeitraum, in dem es auch zu extremen, tödlichen
und kostspieligen Waldbränden, Überschwemmungen und anderen klimabedingten
Naturkatastrophen kam.
Um das Risiko einer Entwicklung hin zu einer „Treibhauserde“ zu
minimieren, empfehlen die Wissenschaftler:innen Strategien, die
Klimaresilienz in die Regierungspolitik integrieren, sowie einen sozial
gerechten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Sie diskutieren auch die
Notwendigkeit neuer Ansätze, wie beispielsweise eine koordinierte globale
Überwachung von Kipppunkten und verbesserte Risikomanagementpläne.
Das MARUM gewinnt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse über die
Rolle des Ozeans und des Meeresbodens im gesamten Erdsystem. Die Dynamik
des Ozeans und des Meeresbodens prägen durch Wechselwirkungen von
geologischen, physikalischen, biologischen und chemischen Prozessen
maßgeblich das gesamte Erdsystem. Dadurch werden das Klima sowie der
globale Kohlenstoffkreislauf beeinflusst und es entstehen einzigartige
biologische Systeme. Das MARUM steht für grundlagenorientierte und
ergebnisoffene Forschung in Verantwortung vor der Gesellschaft, zum Wohl
der Meeresumwelt und im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten
Nationen. Es veröffentlicht seine qualitätsgeprüften, wissenschaftlichen
Daten und macht diese frei zugänglich. Das MARUM informiert die
Öffentlichkeit über neue Erkenntnisse der Meeresumwelt, und stellt im
Dialog mit der Gesellschaft Handlungswissen bereit. Kooperationen des
MARUM mit Unternehmen und Industriepartnern erfolgen unter Wahrung seines
Ziels zum Schutz der Meeresumwelt.
