Universitätsbibliothek übergibt erstmals Bücher an Jüdische Gemeinde Frankfurt
Seit 2020 durchforstet die Universitätsbibliothek Johann Christian
Senckenberg (UB) der Goethe-Universität Frankfurt ihre Bestände
systematisch, um NS-Raubgut identifizieren und an die rechtmäßigen
Eigentümer übergeben zu können. Erstmals wurden nun Bände an die
Frankfurter Jüdische Gemeinde restituiert, darunter Bücher aus dem Besitz
einer prominenten jüdischen Familie.
Der Umfang der Restitution war überschaubar: Insgesamt fünf Bände haben in
den Räumen der Frankfurter Universitätsbibliothek (UB) die Besitzer
gewechselt. Die Besonderheit: Zum ersten Mal konnte die UB Bücher an die
Jüdische Gemeinde Frankfurt übergeben. Bei dreien waren die Vorbesitzer
Persönlichkeiten von zentraler Bedeutung für die Vorgängergemeinde: Julius
Blau (*1861), Rechtsanwalt und Notar, stand von 1903 bis zu seinem Tod
1939 als Vorsitzender an der Spitze der Israelitischen Gemeinde und war in
zahlreichen jüdischen Hilfsorganisationen aktiv. In seine Amtszeit fielen
Meilensteine wie der Bau der Westendsynagoge (1910) oder des
Philanthropins an der Hebelstraße (1908) – aber eben auch die ersten Jahre
der NS-Zeit. Sein Sohn Ernst (*1892) wiederum war Bibliothekar der
Israelitischen Gemeinde, wanderte 1939 nach Frankreich aus, starb 1941 im
Lager Gurs. Zwei weitere Bücher stammen aus der Gemeindebibliothek selbst
bzw. aus dem „Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend“.
„Herrn Justizrat Dr. Blau mit besten Empfehlungen vom Vf“ ist mit Hand in
eine Schrift über den „Frankfurter Sammelkatalog“ eingetragen, die mit
anderen Heften in einem Band zusammengefasst ist. Ein anderes Heft darin
enthält ein individuelles Exlibris, das auf „Dr. Ernst Blau“, den Sohn von
Julius Blau, als Eigentümer verweist. Die Ausgabe von Nahum Norbert
Glatzers „Geschichte der talmudischen Zeit“ wiederum ist durch einen
Stempel der Israelitischen Gemeinde direkt zuzuordnen, das „General-
Lexikon“ trägt einen Stempel des „Tagesheims der erwerblosen jüdischen
Jugend“. – Nicht immer findet das Provenienzforschungsteam der UB so
eindeutige Hinweise auf die Vorbesitzer. Auf welchem Weg die Bücher in die
UB gelangt sind, lässt sich jedoch nicht mehr nachzeichnen. Aufgrund der
Signatur ist nur sicher, dass sie vor dem Ende der NS-Herrschaft hierher
gelangt sein müssen.
Bei den restituierten Büchern handelt es sich keineswegs um wertvolle oder
seltene Exemplare. Für die Jüdische Gemeinde ist die Rückgabe trotzdem ein
bedeutendes Ereignis: „Für uns ist das sehr wichtig als Anerkennung des
Unrechts, das den Juden in Frankfurt angetan wurde“, sagt Rachel
Heuberger, Mitglied des fünfköpfigen Vorstands der Jüdischen Gemeinde
Frankfurt und selbst ehemalige Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek –
sie leitete bis 2019 die renommierte Judaica-Sammlung. Heuberger ist froh,
dass die Universitätsbibliothek dank der Förderung durch das Deutsche
Zentrum Kulturgutverluste nun endlich in der Lage sei, die Bestände
systematisch zu untersuchen. Julius und Ernst Blau seien bekannte Namen in
der Gemeinde, deren Andenken in Ehren gehalten werde. Die Israelitische
Gemeinde war von den Blaus durch einen Erbvertrag von 1936 als Alleinerbin
eingesetzt worden. Als solche wurde sie 1964 für die Verluste der Familie
in geringem Umfang „entschädigt“ für damals geleistete Abgaben wie
Judenvermögenssteuer, Reichsfluchtsteuer und die Dego-Abgabe bei der
Ausreise von Ernst Blau. Das Haus der Blaus war 1938 in der Pogromnacht
abgebrannt worden.
Vor der NS-Zeit umfasste die Bibliothek der Israelitischen Gemeinde 11.531
Werke in 14.085 Bänden, wie Bibliothekar Dr. Ernst Blau 1932 vermerkt hat.
Darunter befand sich die wertvolle Büchersammlung des Marburger
Philosophen Hermann Cohen und – als Leihgabe – die Sammlung des
Frankfurter Orientalisten Raphael Kirchheim. Später wurde die Bibliothek
wie das meiste jüdische Eigentum von den Nationalsozialisten geraubt. Die
zurückerhaltenen Bücher werden nun in den aktuellen Bestand der Jüdischen
Gemeinde aufgenommen. Eine Rekonstruktion der ursprünglichen Bibliothek
sei wegen der umfangreichen Verluste nicht möglich, sagt Heuberger. Aus
der UB indes sind weitere Restitutionen zu erwarten; dort wurden
inzwischen weitere Verdachtsfälle entdeckt. „Wir haben noch viel Arbeit
vor uns“, sagt Provenienzforscherin Darleen Pappelau.
An der Goethe-Universität wurde auf Initiative des Präsidiums der Goethe-
Universität eigens das Forum Universitätsgeschichte gegründet, das
Projekte zur Aufarbeitung der Geschichte der Universität und ihrer
Sammlungen zusammenführen und verfügbar machen wird. Auch die
Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek ist Teil dieses
entstehenden Netzwerks.
Über die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB JCS)
Die Universitätsbibliothek JCS zählt mit ihren umfangreichen Beständen und
Sammlungen zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Bibliotheken
Deutschlands. Sie vereinigt in sich die Funktionen einer
Universitätsbibliothek mit zahlreichen Landesaufgaben, einer
wissenschaftlichen Bibliothek für die Stadt Frankfurt und das Rhein-Main-
Gebiet und einer Schwerpunktbibliothek innerhalb der überregionalen
Literatur- und Informationsversorgung.
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