Lawinenwinter 1950/51: Anstoss für Gefahrenkarten
Nach dem Lawinenwinter 1950/51 erarbeiteten SLF-Forschende eine Methodik
zur Kartierung lawinengefährdeter Gebiete. Dabei entstand eine Farbskala
für Gefahrenzonen – die Basis für das bis heute gültige Vorgehen, um
Gefahrenkarten zu erarbeiten.
Rund 1500 zerstörte Gebäude, Bahnlinien und Stromleitungen: Die allein in
der Schweiz weit über tausend Schadenlawinen im Winter 1950/51 hatten
finanzielle Werte im - inflationsbereinigt - niedrigen, dreistelligen
Millionenbereich verursacht.
Dabei hatten sie in den Bergregionen zu einem
grossen Teil neuere Wohnhäuser, Ställe und Gewerbebetriebe getroffen.
«Viele der zerstörten Gebäude waren erst zehn oder zwanzig Jahre alt»,
sagt Stefan Margreth, Leiter der Forschungsgruppe Schutzmassnahmen am SLF.
Das lag nicht an schlechter Bausubstanz, viele standen einfach am falschen
Ort. Die Siedlungsgebiete hatten sich in den Jahrzehnten vor dem Winter
1950/51 rasant ausgedehnt, oft, ohne auf die Lawinengefahr zu achten.
«Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verliessen sich Menschen auf
Erfahrungswerte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden»,
weiss Margreth. Doch neu Zugezogene ignorierten häufig die Warnungen der
Einheimischen und bauten im Lawinengelände. Das sollte sich ändern. Das
Eidgenössische Departement des Inneren forderte im Juni 1952,
Lawinenkataster und Lawinengefahrenkarten zu erstellen.
Drei Jahrzehnte bis zur Richtlinie
Bereits zwei Jahre später entstand 1954 für die Gemeinde Gadmen im Berner
Oberland die erste Lawinengefahrenkarte der Schweiz. 1960 erstellte das
SLF für die Gemeinde Wengen erstmals eine Karte, die rote Zonen mit
absolutem und blaue mit bedingtem Bauverbot enthielt. «Mittlerweile liegen
praktisch für alle Siedlungen der Schweiz Gefahrenkarten vor», sagt
Margreth. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg, der mehrere
Jahrzehnte dauerte.
Mitarbeitende des SLF waren massgeblich daran beteiligt, einen
einheitlichen Standard zu entwickeln, wie solche Karten erstellt werden.
Fachleute untersuchten, welche Lawinenart an welcher Stelle wie stark
vorkommen kann. Den dabei zulässigen Druck, den diese auf Objekte ausüben,
haben sie in mehrere Stufen unterteilt. Zudem analysierten sie, wie häufig
eine bestimmte Stelle von einer Lawine getroffen wird: Kommt ein Ereignis
alle dreissig Jahre oder häufiger vor, nur alle dreissig bis hundert Jahre
oder alle hundert bis dreihundert Jahre? Wichtig ist dabei, die
Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls oder eines Schadens richtig
einzuordnen. Denn viele Menschen unterschätzen insbesondere Gefahren, die
nur selten auftreten, beispielsweise alle 300 Jahre. Wenn ein Gebäude
fünfzig Jahre steht, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass während dieser
Zeit dort eine Schadenlawine auftritt, 17 Prozent. «Zudem kann ein
Ereignis, das im langfristigen Durchschnitt nur alle hundert Jahre
auftritt, dennoch in zwei aufeinanderfolgenden Wintern eintreffen»,
erklärt Margreth.
Eine wichtige Basis für die Kriterien der Gefahrenstufen waren unter
anderem Aufzeichnungen aus vergangenen Jahrhunderten über die Reichweite
und Zerstörungskraft grosser Lawinenabgänge. Ebenso weitere Faktoren wie
die Geländeformen der Lawinenbahn. In den 70er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts kamen zusätzlich erste lawinendynamische Modelle auf, die mit
dem Taschenrechner angewendet wurden. Seitdem haben Forschende am SLF
diese Modelle kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Heute laufen
sie auf modernen, leistungsstarken Computern. Bis zu einer einheitlichen
Herangehensweise vergingen mehr als drei Jahrzehnte. «Die noch heute
gültige Richtlinie zur Berücksichtigung der Lawinengefahr bei
raumwirksamen Tätigkeiten erschien erst 1984», sagt Margreth.
Farbcode für Lawinen
Grundsätzlich unterscheiden Lawinengefahrenkarten fünf farblich markierte
Zonen. Rot bedeutet erhebliche Gefahr und es herrscht Bauverbot. Lawinen
gefährden dort Menschenleben in Gebäuden und drohen, Infrastruktur zu
zerstören. Gebäude neu zu errichten oder den Bestand zu erweitern, ist
untersagt. Zerstörte Gebäude dürfen nur in Ausnahmefällen und mit
Schutzmassnahmen wieder aufgebaut werden. Dass in solchen roten Zonen
zuweilen Wohnhäuser stehen, ist historisch bedingt, erklärt Margreth:
«Solche Gebäude standen oft lange bevor es Gefahrenkarten gab.»
In der zweiten Stufe, blau, hingegen sind Menschen innerhalb von Gebäuden
überwiegend sicher, sofern diese verstärkt sind. Die anprallenden
Schneemassen erreichen im blauen Gefahrengebiet Drücke bis drei Tonnen pro
Quadratmeter. «Um Beschädigungen zu verhindern, werden Gebäude massiv
gebaut, das heisst, lawinenseitige Mauern werden zum Beispiel aus Beton
gefertigt und auf Öffnungen wie Türen oder Fenster wird verzichtet»,
erläutert Margreth. Unter Umständen sehen Gemeinden auch davon ab, in
blauen Gebieten Bauzonen auszuscheiden.
Selbst in gelben Zonen, in denen Menschen im Freien nur noch schwach
gefährdet sind, können Auflagen für sensible Objekte angebracht sein. Für
alle drei Zonen gilt, dass die Gemeinden Interventionskarten ausarbeiten,
wie sie das gefährdete Gebiet im Notfall absperren und evakuieren. Auch
die Blaulichtorganisationen bereiten sich auf Notfälle vor. Weiss-gelbe
Zonen sind vergleichsweise sicher und stellen die Restgefährdung dar, die
Wahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs mit Gefahr für Menschen und
Infrastruktur ist sehr klein. «Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt
sich in einer weissen Zone nieder», sagt Margreth.
Etabliertes System mit neuer Herausforderung
Wie gut das System funktioniert, wiesen Forschende des SLF in der Analyse
nach dem Lawinenwinter 2018 nach. Damals hatte der Lawinenwarndienst zum
ersten Mal in diesem Jahrtausend die höchste Gefahrenstufe fünf «sehr
gross» ausgegeben. Mit Hilfe von Satellitenbildern werteten die
Forschenden die Lawinenaktivität in rund der Hälfte der Schweizer Alpen
aus, mit einer Auflösung von 1,5 Quadratmetern. Auf einer Fläche von 12000
Quadratkilometern waren demnach 18000 Lawinen abgegangen. Auswertungen
zeigten, dass in Siedlungsgebieten keine einzige Lawine die Gefahrengrenze
überschritt, weiss Margreth: «Die meisten sehr grossen und extrem grossen
Lawinen liefen in den roten und teilweise in den blauen Zonen aus.»
Mitarbeitende des SLF empfehlen, die Gefahrenkarten regelmässig zu
überprüfen und falls erforderlich anzupassen. Denn der Klimawandel
beeinflusst die Lawinenaktivität. Es ist zu erwarten, dass insbesondere in
tieferen und mittleren Lagen die Gefahr durch Lawinen zurückgeht, da dort
weniger Schnee fallen wird. Andererseits zeigen Modellierungen, dass gegen
Ende des Jahrhunderts die Zahl der Lawinen aus trockenem Schnee abnehmen,
die der Nassschneelawinen jedoch zunehmen wird. «Dadurch können sich die
Grenzen der betroffenen Zonen verändern», erwartet Margreth.
Originalpublikation:
https://www.slf.ch/de/news/law
gefahrenkarten/
