Strategien für mehr Chancengleichheit in der Wissenschaft
Was passiert, wenn eine wissenschaftliche Gemeinschaft Raum schafft –
nicht nur für Forschungsergebnisse, sondern auch für ehrliche Gespräche
darüber, wie Wissenschaft betrieben wird? Ein neuer Open-Access-
Perspective-Artikel in Evolution greift die zentralen Themen und
praktischen Erkenntnisse aus dem „Women in Evolutionary Biology Workshop“
auf, der vom 14. bis 16. Mai 2024 am Max-Planck-Institut für
Evolutionsbiologie stattfand.
Verfasst von Stella Kyomen, Maria Alejandra Ramirez, Nikoleta E. Glynatsi,
Gisela T. Rodríguez-Sánchez und Amanda de Azevedo-Lopes, gibt der Beitrag
einen Überblick über das Workshop-Format und verdichtet die
Diskussionsforen zu wiederkehrenden strukturellen Mustern, die
Teilnehmende institutions- und disziplinübergreifend erkannten. Ziel des
Artikels ist es, gelebte Erfahrungen und konkrete Beobachtungen neben die
wissenschaftliche Literatur zu stellen – und beides in umsetzbare
Strategien zu übersetzen, die dazu beitragen können, eine unterstützendere
akademische Kultur zu entwickeln.
Ein Workshop für Wissenschaft und für ehrliche Gespräche
Der Workshop brachte 54 Teilnehmende zusammen. Die Teilnahme war
kostenfrei und wurde durch Mittel aus dem Scientific Workshop Program des
Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie ermöglicht.
Um der anhaltenden Unterrepräsentation von Frauen in eingeladenen Speaker-
Line-ups entgegenzuwirken, luden die Organisatorinnen ausschließlich
Frauen als Keynote-Speakerinnen ein. Dazu gehörten Professorin Dr. Ayari
Fuentes-Hernandez (UNAM, Mexiko), Professorin Dr. Bibiana Rojas
(Veterinärmedizinische Universität, Österreich), Professorin Dr. Deepa
Agashe (NCBS, Indien), Professorin Dr. Katarína Bodová (Comenius-
Universität, Slowakei) und Professorin Dr. Miriam Liedvogel (Institut für
Vogelforschung, Deutschland). Zusätzlich hielt Professorin Dr. Rosemary
Grant einen Mentoring-Vortrag mit Fokus darauf, wie eine erfolgreiche
akademische Laufbahn aufgebaut werden kann.
Neben Keynotes, eingereichten Vorträgen und Poster-Sessions bot das
Programm Raum für Diskussionsforen in Kleingruppen zu Chancengerechtigkeit
und Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft.
Fünf wiederkehrende Themen – und was getan werden kann
Aus den Diskussionsforen synthetisierten die Organisatorinnen Beiträge zu
fünf wiederkehrenden Themen: Unterrepräsentation in Führungspositionen und
Entscheidungsprozessen; Arbeitsplatzkulturen von Mikroaggressionen bis hin
zu Belästigung, insbesondere in Feldarbeitskontexten; implizite
Verzerrungen (Bias) und die Persistenz des Meritokratie-Mythos
einschließlich des Matilda-Effekts; intersektionale Ungleichheiten geprägt
durch Herkunft, soziale Klasse, Nationalität, Sexualität und Behinderung;
sowie strukturelle Herausforderungen rund um Familie, Care-Arbeit und
Mobilität in akademischen Karrieren.
Auch wenn der Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt,
argumentiert er, dass das wiederholte Auftreten dieser Themen –
angesprochen von Teilnehmenden über mehrere Karrierephasen hinweg – die
Beständigkeit und Dringlichkeit der zugrunde liegenden Probleme
unterstreicht.
Stimmen aus dem Workshop
Teilnehmende und Keynote-Speakerinnen betonten den Wert, Menschen aus
unterschiedlichen Hintergründen und Disziplinen zusammenzubringen.
Rückblickend auf das Treffen sagte Professorin Dr. Rosemary Grant:
„Es hat einen enormen Wert, direkt von denjenigen zu hören, die aufgrund
von Geschlecht, Herkunft, Armut oder anderen Umständen benachteiligt sind
… Wenn Meetings jedoch Menschen in Machtpositionen einbeziehen … kann
Veränderung bemerkenswert schnell erfolgen und dauerhafte, positive
Effekte hervorbringen.“
Sie plädierte für einen Folge-Workshop mit „toleranten und empathischen
Menschen, die die Macht haben, schnelle und dringend notwendige
Veränderungen anzustoßen“.
Andere hoben die Atmosphäre und die Dynamik hervor, die während der
Veranstaltung entstanden. Professorin Dr. Deepa Agashe beschrieb eine
„unbeschwerte Kameradschaft“ über Grenzen hinweg und verließ den Workshop
„energiegeladen in Bezug auf meine Wissenschaft und meine Community“.
Professor Dr. Peter Grant verwies auf eine praktische Herausforderung:
mehr Männer in solche Diskussionen einzubinden und die
„Kommunikationsbarriere“ zu verringern, die durch falsche Annahmen über
„verborgene Agenden“ entsteht.
Ausblick: Eine zweite Ausgabe ist bereits finanziert
Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass spürbarer
Fortschritt koordiniertes Handeln erfordert – von Einzelpersonen und
Forschungsgruppen bis hin zu Institutionen und Förderorganisationen – und
dass die Arbeit an Chancengerechtigkeit nicht allein auf den Schultern
derjenigen liegen darf, die am stärksten betroffen sind. Zudem weisen sie
darauf hin, dass die Finanzierung für eine zweite Ausgabe des Workshops
über das Scientific Workshop Program des Instituts bereits gesichert ist.
Sie ist für 2026 vorgesehen und soll auf der Auftaktveranstaltung aufbauen
sowie deren Wirkung ausweiten – auch wenn weiterhin organisatorische
Herausforderungen bestehen.
