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Teurer Alleingang ohne Klimaeffekt? Treibhausgasneutralität 2050 statt 2045

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RWI Diskussionspapier: Eine Angleichung an das EU-Ziel für die
Treibhausgasneutralität würde die volkswirtschaftlichen Kosten in
Deutschland erheblich senken – ohne den Klimaschutz zu beeinträchtigen.

Soll Deutschland bereits im Jahr 2045 klimaneutral werden oder erst im
Jahr 2050, wie es die EU vorsieht? Ein aktuelles Diskussionspapier von
Manuel Frondel, dem Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“
am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, kommt zu dem folgenden
Ergebnis: Die Verschiebung um fünf Jahre würde der deutschen
Volkswirtschaft Kosteneinsparungen im Milliardenbereich ermöglichen, ohne
dass spürbare Nachteile für den globalen Klimaschutz entstünden.



Milliardenpotenzial durch spätere Stilllegung und Umrüstung

Ohne jede Frage muss der heutige Kapitalstock im Zeitverlauf drastisch
umgestaltet werden, um perspektivisch klimaneutral wirtschaften zu können.
Eine Harmonisierung der Transformationsgeschwindigkeit mit den anderen EU-
Mitgliedstaaten könnte ein zentraler Hebel für die Einsparung
volkswirtschaftlicher Ressourcen sein. Denn eine früher angestrebte
Klimaneutralität bedeutet, dass große Teile des heutigen Kapitalstocks
vorzeitig aufgegeben oder umgerüstet werden müssten.

So umfasst allein das deutsche Erdgasleitungsnetz Vermögenswerte im
Milliardenbereich, die bei einem Zieljahr 2045 deutlich früher entwertet
würden. Hinzu kommen Millionen an Öl- und Gasheizungen, die erst fünf
Jahre später verschrottet werden müssten. Derzeit wird fast jede zweite
Wohnung in Deutschland mit Erdgas beheizt. Eine Verschiebung auf das Jahr
2050 würde erlauben, diese Anlagen länger zu nutzen und Investitionen
zeitlich zu strecken.

Auch in der Stromerzeugung würde der Kostendruck sinken. Der frühere
großflächige Einsatz teurer Wasserstofftechnologien in Erdgaskraftwerken
wäre weniger dringend, was die Transformationskosten zusätzlich reduziert.
„Ein früheres Zieljahr zwingt zu beschleunigten Investitionen in teure
Alternativen – ohne dass dadurch EU-weit Emissionen eingespart würden“,
betont Frondel.

Der EU-Emissionshandel macht nationale Alleingänge wirkungslos

Ein gemeinsames Vorgehen der EU bei der Klimapolitik ist völlig richtig.
Dass damit nationale Alleingänge klimapolitisch vollkommen wirkungslos
bleiben müssen, darf man nicht ignorieren. Denn in einem umfassenden EU-
Emissionshandel kann eine frühere deutsche Klimaneutralität keinen
zusätzlichen Effekt auf die Gesamtemissionen in Europa ausüben, solange
auch nur einer der anderen Vertragspartner ökonomisch rational handelt.

Vielmehr werden sinkende Emissionen in Deutschland andernorts in Europa
nahezu zwangsläufig höhere Emissionen zur Folge haben – im Saldo bleiben
die europäischen und die globalen Emissionen unverändert. „Ein nationales
Vorziehen der Klimaneutralität führt dann lediglich zu
Emissionsverlagerungen, nicht zu zusätzlichen Einsparungen“, so Frondel.

Vertragstreue sichert Glaubwürdigkeit, aber Übererfüllung bringt gar
nichts

Zudem verweist das Diskussionspapier auf die globale Dimension des
Klimaproblems. Während Deutschland und die EU weltweit die einzigen
Regionen waren, die ihre Emissionen seit 1990 massiv reduziert haben, hat
China seinen Ausstoß im selben Zeitraum mehr als verdreifacht und
verursacht heute rund 26 Prozent der weltweiten Emissionen. Asien
insgesamt ist für mehr als die Hälfte der globalen Emissionen
verantwortlich.

Vor diesem Hintergrund stellt Frondel die Wirksamkeit unkonditionierter
nationaler Klimaziele infrage. Aus spieltheoretischer Perspektive können
solche Vorleistungen sogar kontraproduktiv sein, weil sie den Anreiz
anderer Länder zur eigenen Emissionsminderung senken. „Deutschland trägt
überproportional hohe Kosten für einen global vernachlässigbaren Effekt“,
sagt Frondel. „Global wirksamen Klimaschutz gibt es nur, wenn viele
Regionen der Welt miteinander kooperieren, vor allem Europa mit Asien.“

Internationale Kooperation statt nationaler Zusatzbelastungen

Frondel plädiert daher für einen stärker international ausgerichteten
Klimaschutz, bei dem nationale Anstrengungen an entsprechende
Gegenleistungen anderer Staaten geknüpft werden. Kostengünstige Maßnahmen
im Ausland – etwa Aufforstungsprojekte oder der Ausbau erneuerbarer
Energien in Entwicklungs- und Schwellenländern – könnten mit deutlich
geringeren Kosten erheblich größere globale Effekte erzielen.
Kooperationen mit emissionsstarken Regionen wie Asien versprechen ein
deutlich höheres klimapolitisches Renditepotenzial als zusätzliche,
kostspielige Einsparungen im Inland. „In anderen Politikfeldern wie der
Handelspolitik ist das Prinzip der Reziprozität üblich“, so Frondel. „In
der Klimapolitik fehlt es bislang.“

Methodische Einordnung

Die Untersuchung stützt sich auf etablierte spieltheoretische Ansätze zur
internationalen Kooperation und ergänzt diese um empirische Daten zur
historischen Emissionsentwicklung.