Sammelaktion auf der Messe CMT: Urin für die Biobeton-Forschung
Die Zement-Herstellung ist eine der emissionsintensivsten
Industrieprozesse. Stuttgarter Wissenschaftler*innen forschen daher an
einem neuen, nachhaltigen mineralischen Baustoff: Biobeton. Zur
Herstellung nutzen sie einen bisher eher verkannten Rohstoff –
menschlichen Urin. Camper*innen, die während der Tourismusmesse CMT vom
17. bis 25. Januar auf dem Wohnmobilstellplatz der Messe Stuttgart stehen,
können das Forschungsprojekt unterstützen, indem sie den Urin aus ihren
Trenntoiletten spenden.
Für die Sammelaktion kooperieren die Messe
Stuttgart, der Trenntoilettenhersteller Arwinger und der
Komposttoilettenvermieter Kompotoi mit der Universität Stuttgart.
Wissenschaftler*innen der Universität Stuttgart forschen an einem
neuartigen Baustoff – Biobeton. Die Herstellung erfolgt mithilfe von
Biomineralisierung. Bei diesem Verfahren produzieren lebende Organismen
durch chemische Reaktionen anorganisches Material. Das Material kann
potenziell CO₂-neutral komplett aus Abfallstoffen hergestellt werden.
Das Biomineralisierungsverfahren des Stuttgarter Teams weist eine
Besonderheit auf: Es basiert auf menschlichem Urin – einem reichlich
vorhandenen, aber bisher verkannten Rohstoff. „Die bisher hergestellten
Proben weisen vielversprechende Materialeigenschaften für bestimmte
Einsatzgebiete im Hochbau auf“, sagt Professor Lucio Blandini, Leiter des
Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität
Stuttgart. Das Projektteam hat Probekörper hergestellt, die
Druckfestigkeiten von über 60 MPa erreichen – deutlich höher als in allen
bislang veröffentlichten Studien zur Biomineralisierung. Das heißt: Auch
mit Urin können hochfeste Bausteine hergestellt werden. Ziel der Forschung
sei es aber nicht, herkömmlichen Beton vollständig zu ersetzen, so Prof.
Blandini: „Wir verstehen den Baustoff vielmehr als intelligente Ergänzung
für ausgewählte Anwendungen.“
CMT-Camper*innen können Urin aus Trenntoiletten für die Forschung spenden
Der Biomineralisierungsprozess erfordert große Mengen an Urin, etwa 26.000
Liter pro Kubikmeter Biobeton. Damit das Team zukünftig auch größere
Bauteilformate herstellen und testen kann, startet nun erstmals eine groß
angelegte Urin-Sammelaktion. Unterstützt wird das von den Unternehmen für
nachhaltige Toilettensysteme Arwinger und Kompotoi sowie der Messe
Stuttgart.
Vom 17. bis 25. Januar 2026 findet auf der Messe Stuttgart die
Tourismusmesse CMT statt. Während der Messelaufzeit werden auf dem
Wohnmobilstellplatz der Messe Stuttgart etliche Camper*innen erwartet.
Camper*innen mit Trenntoilette sind eingeladen, den Inhalt ihrer
Urinsammelbehälter für die Biobeton-Forschung zu spenden. Die Urin-Spenden
können direkt auf dem Stellplatz abgegeben werden, die Firmen Arwinger und
Kompotoi stellen hierfür einen speziellen Sammelbehälter bereit und
organisieren den Abtransport.
„Als Hersteller von Trenntoiletten liegt uns die sinnvolle Nutzung von
Ressourcen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft besonders am
Herzen. Als gelernter Betonbauer begeistert mich die Idee, Urin als
Rohstoff für die Herstellung nachhaltiger Baustoffe zu erforschen. Umso
mehr freut es mich, dass wir die Sammlung von Urin auf der CMT 2026
initiieren konnten und damit die Forschenden der Universität Stuttgart bei
ihrem bahnbrechenden Projekt unterstützen“, sagt Sven Mahn,
Geschäftsführer Arwinger.
„Dass menschliche Ausscheidungen als Dünger nutzbar sind, ist die
Grundidee von unseren Komposttoiletten“, sagt der Mitgründer von Kompotoi,
Jojo Casanova. „Dass daraus sogar Biobeton entstehen kann, war auch für
uns ein Aha-Moment. Es zeigt, wie viel Potenzial in diesem Stoffstrom
steckt, den wir bisher fast ausschließlich in einem linearen System
denken, das mit der Entsorgung endet. Das muss sich ändern und das kann
sich ändern. Unsere Ausscheidungen können deutlich mehr, als wir ihnen
heute zutrauen. Das Spannende ist, dass damit Anlässe und Orte, wo viele
Menschen zusammenkommen – egal ob Events oder Innenstädte – plötzlich eine
zusätzliche Dimension der Ressourcenschöpfung bekommen.“
Roland Bleinroth, Geschäftsführer der Messe Stuttgart, kommentiert:
„Nachhaltigkeit und Klimaschutz liegen uns als Messe Stuttgart besonders
am Herzen. Wir setzen uns seit Jahren mit zahlreichen eigenen Projekten
für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und innovative
Lösungen im Sinne einer nachhaltigen Zukunft ein. Für uns war schnell
klar, dass wir die Biobeton-Forschung durch die diesjährige Sammelaktion
auf der CMT unterstützen wollen, um gemeinsam mit unseren Partnern und der
Wissenschaft neue Wege für eine klimafreundliche Kreislaufwirtschaft
aufzuzeigen. Wir freuen uns, dass wir dazu beitragen können, nachhaltige
Entwicklungen wie diese sichtbar und erlebbar zu machen.“
Wie aus Urin ein nachhaltiger Baustoff wird
Während der CMT will das Forschungsteam auch über Biomineralisierung und
den Biobeton informieren. Daniele Funaro vom Institut für Mikrobiologie
und Axel Steffens vom Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und
Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart stehen während der Messe am
Stand der Firma Arwinger (Halle 8 / Stand D03) für Gespräche bereit – zum
Beispiel darüber, wie der Biomineralisierungsprozess genau funktioniert:
Zur Grundzutat Sand geben die Forschenden ein bakterienhaltiges Pulver,
füllen die Mischung in eine Schalung und spülen sie drei Tage lang mit
Urin, der mit Calcium angereichert wird. Die Bakterien bewirken, dass der
im Urin enthaltene Harnstoff zu Carbonat umgewandelt wird. Durch das
anwesende Calcium wachsen Kristalle aus Calciumcarbonat (Kalk) heran. Das
Sandgemisch verfestigt sich zu Biobeton, einem Festkörper, der chemisch
Ähnlichkeiten zum natürlichen Kalksandstein aufweist. Je nach Schalung
können Elemente in unterschiedlichen Formen und Größen produziert werden,
momentan mit einer Tiefe von bis zu 15 Zentimetern.
Über das Projekt „SimBioZe“ der Universität Stuttgart
Die Biomineralisierungs-Forschung ist Teil des Projekts „SimBioZe“, in dem
drei Institute der Universität Stuttgart ihre Kompetenzen bündeln: Das
Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK), das Institut für
Mikrobiologie (IMB) und das Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte-
und Abfallwirtschaft (ISWA). Zudem ist das Zentrum Ökologischer Landbau
der Universität Hohenheim beteiligt. Kooperationen mit Industriepartnern
wie dem Flughafen Stuttgart sind geplant. Im Fokus des Projekts steht
neben der Biomineralisierung auch die Einbindung des Biobetons in eine
zirkuläre Wertschöpfungskette: Das Projekt zeigt auf, wie Urin aus
Abwasserströmen gesammelt und aufbereitet werden kann, um ihn als Rohstoff
für die Biobetonproduktion zu nutzen. Gleichzeitig untersucht das Team,
wie sich dabei sekundäre Wertstoffe zurückgewinnen lassen, etwa zur
Herstellung von Düngemitteln. Das Projekt wird finanziert vom Ministerium
für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.
Über die CMT
Die CMT ist die weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit.
Jedes Jahr präsentieren sich in Stuttgart zahlreiche nationale und
internationale Reiseziele. Sie ist die wichtigste Neuheitenschau der
Camping- und Caravaningbranche zum Jahresbeginn. Zeitgleich finden vier
Tochtermessen statt: die Fahrrad - & WanderReisen, die Kreuzfahrt- &
SchiffsReisen, die Golf- & WellnessReisen sowie die Selbstausbau. Die CMT
beherbergt zudem rund 600 Rahmenveranstaltungen unter einem Dach und ist
zugleich Fach-, Publikums-, Politik- und Medienevent. Bei der CMT 2025
begrüßte die Messe Stuttgart rund 260.000 Besucherinnen und Besucher.
Insgesamt 1.570 ausstellende Firmen zeigten auf 125.000 Quadratmetern in
zehn Hallen ihre Neuheiten und touristischen Highlights. Die nächste CMT
findet vom 17. bis 25. Januar 2026 auf dem Stuttgarter Messegelände statt.
Über Arwinger GmbH & Co. KG
Arwinger ist ein Hamburger Start-up, das sich im Frühjahr 2021 mit der
Erfindung der Kassettentrenntoilette gegründet hat. Das Unternehmen
entwickelt und produziert Umbausätze sowie Austauschmodelle für die
Umrüstung von fest in Campingfahrzeugen verbauten Chemie-
Kassettentoiletten zur Trenntoilette mit Kassette. Arwinger bietet
KassettentrenntoilettenKits für alle gängigen Thetford-Chemietoiletten an.
Seit Juli 2025 besteht eine exklusive strategische Partnerschaft des
Unternehmens mit Dometic. Gemeinsam wurden Dometic-
Kassettentrenntoiletten-Modell
Über Kompotoi
Kompotoi entwickelt, vermietet, plant und verkauft ökologische
Komposttoiletten. Die Toiletten sehen nicht nur gut aus, sie sind absolut
geruchsfrei und besonders umweltfreundlich. Kompotoi verwendet keine
chemischen Zusätze, arbeitet wassersparend und macht aus dem „Human
Output“ einen Bodenverbesserer. So schließt Kompotoi einen wichtigen
natürlichen Kreislauf. Kompotoi plant Anlagen im öffentlichen Bereich,
verkauft Toilettenlösungen für Gartenhäuser und bietet effiziente und
ökologische Sanitärlösungen für Veranstaltungen und Festivals. Die
Standorte in Deutschland sind aktuell München, Darmstadt, Köln/Bonn und
Hamburg.
