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Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe gibt Orientierung im Nachrichtenkonsum

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Gut informiert ins neue Jahr – ohne Dauerstress
Ein realistischer Vorsatz zum Jahresanfang
Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe erklärt, wie bewusster
Nachrichtenkonsum hilft, auf dem Laufenden zu bleiben, ohne auszubrennen

Zum Jahresstart nehmen sich viele vor, weniger am Bildschirm zu hängen und
Stress zu reduzieren. Gleichzeitig meiden in Deutschland so viele Menschen
wie nie zuvor bewusst Nachrichten. „News Fatigue“ klingt harmlos, ist aber
oft ein echtes Erschöpfungssymptom: zu viele Reize, zu wenig Einordnung,
zu wenig Pause. Jan Michael Rasimus erklärt, warum das Gehirn auf
schlechte Nachrichten so zuverlässig anspringt, weshalb sich Widersprüche
im Netz so zermürbend anfühlen und wie man 2026 informiert bleiben kann,
ohne in Daueranspannung zu geraten.

Was ist „News Fatigue“ aus wissenschaftlicher Sicht?

Rasimus: Im Kern ist es ein Überlastungszustand. Nachrichten sind nicht
nur Information, sie sind Reize: Bilder, Worte, Alarmtöne, Pushs,
Eilmeldungen. Wenn davon zu viel gleichzeitig kommt, reagiert das System
mit Überforderung. Manche ziehen sich dann komplett zurück, andere landen
in einem paradoxen Muster: Man konsumiert weiter, obwohl es belastet, weil
das Gehirn nach dem „nächsten fehlenden Puzzleteil“ sucht. Beides ist
verständlich, aber auf Dauer nicht gesund.

Warum wirken negative Nachrichten so stark, oft stärker als positive?

Rasimus: Weil das Gehirn Gefahren schneller „priorisiert“ als angenehme
Dinge. Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie. Bedrohliche Signale
werden bevorzugt verarbeitet, sie lösen Aufmerksamkeit aus und aktivieren
den Körper. In der Steinzeit war das sinnvoll. Im Live-Ticker-Zeitalter
bedeutet es: Wenn der Nachrichtenstrom überwiegend alarmierend wirkt,
bleibt der Organismus länger auf Habacht-Stellung. Und genau diese
Dauerbereitschaft fühlt sich irgendwann wie innere Unruhe, Gereiztheit
oder Erschöpfung an.

Welche Rolle spielt die heutige Nachrichtenumgebung dabei?

Rasimus: Eine zentrale. Früher waren Nachrichten eher ein „Termin“:
Zeitung, Tagesschau, Radio. Heute sind sie ein „Hintergrundrauschen“, das
in jede Lücke drängt. Push-Mitteilungen schneiden in den Tag wie kleine
Unterbrechungen, Social-Feeds belohnen das Weiterwischen, und Schlagzeilen
sind oft so gebaut, dass sie sofort ziehen. Das macht Aufmerksamkeit zum
knappen Gut. Wer ständig zwischen Themen springt, verarbeitet weniger
tief, bleibt eher emotional aufgeladen und hat am Ende das Gefühl, alles
gesehen, aber wenig verstanden zu haben.

Viele sagen: Dann eben gar keine Nachrichten mehr. Warum ist das selten
die beste Lösung?

Rasimus: Abstand kann sehr entlasten, gerade wenn man merkt, dass der
Körper nur noch „auf Sendung“ ist. Das Problem dabei ist, dass komplettes
Weglassen häufig neue Spannung erzeugt. Menschen wollen Orientierung. Wenn
man gar nichts mehr mitbekommt, kommt Unsicherheit dazu, manchmal auch
Schuldgefühle. Besser ist ein Wechsel der Strategie: nicht „mehr oder
weniger“, sondern „anders“. Wer den Konsum so gestaltet, dass er wieder
verständlich und verdaulich wird, bleibt handlungsfähig und mental
stabiler.

Ein Begriff, der oft fällt, ist Ambiguitätstoleranz. Was hat das mit
Nachrichtenmüdigkeit zu tun?

Rasimus: Sehr viel. Ambiguitätstoleranz heißt aushalten, dass Dinge
gleichzeitig wahr sein können, dass Wissen vorläufig ist und dass
Konflikte nicht sofort lösbar sind. Das passt schlecht zu einer
Medienlogik, die schnelle Eindeutigkeit belohnt. Viele Menschen reagieren
auf Unsicherheit entweder mit Dauer-Updates oder mit Rückzug. Beides ist
eine Stressreaktion. Wer lernt, Mehrdeutigkeit als Normalzustand zu
akzeptieren, erlebt weniger Druck, ständig „abschließen“ zu müssen.

Widersprüchliche Informationen fühlen sich besonders zermürbend an. Warum?

Rasimus: Weil das Gehirn nach Kohärenz sucht, nach einem stimmigen Bild.
Wenn Informationen sich widersprechen, entsteht kognitive Dissonanz, also
innerer Spannungsdruck. Dazu kommt ein zweiter Belastungsfaktor: Man muss
nicht nur verstehen, was passiert, sondern auch noch prüfen, ob es stimmt.
Das ist anstrengend, und es wird durch Desinformation gezielt ausgenutzt.

Wie verschärfen Fake News und KI-generierte Inhalte das Problem?

Rasimus: Sie treffen genau die empfindliche Stelle: Vertrauen. Wenn der
Eindruck entsteht, „man kann sowieso nichts mehr glauben“, wird
Nachrichtenaufnahme zur Dauerprüfung. Mit KI lassen sich Bilder, Videos,
Ton und vermeintliche Zitate inzwischen sehr überzeugend fälschen. Das
erhöht die Grundskepsis, aber auch die Erschöpfung. Viele ziehen dann die
Notbremse: lieber gar nichts als dauernd zweifeln. Aus psychologischer
Sicht ist das verständlich, gesellschaftlich aber riskant. Umso wichtiger
sind verlässliche Routinen: Quellenstärke, Gegencheck bei emotionalen
Inhalten, und das Bewusstsein, dass Empörung ein schlechter
Wahrheitskompass ist.

Was hilft, damit Nachrichten wieder Orientierung geben statt Alarm?

Rasimus: Zwei Dinge: Kontext und Dosierung. Kontext bedeutet: weniger
Schlagzeilen-Hopping, mehr Einordnung, mehr „Was heißt das eigentlich?“.
Das reduziert Stress, weil das Gehirn dann nicht nur Gefahr registriert,
sondern Zusammenhänge versteht. Dosierung bedeutet: Nachrichten brauchen
Grenzen, so wie Arbeit Grenzen braucht. Wer die Zufuhr strukturiert,
schützt die Aufmerksamkeit und senkt die Daueranspannung. Das ist keine
Flucht, sondern Hygiene für das Nervensystem.

Konstruktiver Journalismus wird oft als Gegenmittel genannt. Was ist damit
gemeint?

Rasimus: Konstruktiv heißt nicht, Probleme kleinzureden. Es heißt,
Probleme so zu erzählen, dass Menschen danach mehr wissen als vorher: Was
ist gesichert, was ist offen, welche Maßnahmen funktionieren, welche
nicht, wo liegen echte Handlungsmöglichkeiten. Das wirkt wie ein
Gegengewicht zur Ohnmacht. Wer nach einem Beitrag nur Angst hat, bleibt im
Alarm. Wer zusätzlich Orientierung bekommt, kann mental besser
„abschließen“ und den Alltag weiterführen.

Ein Vorsatz für 2026, der anspruchsvoll klingt, aber alltagstauglich ist?

Rasimus: Den Nachrichtenkonsum wie ein bewusstes Ritual behandeln statt
wie ein reflexhaftes Nebenbei. Das bedeutet: feste Zeiten, klare Quellen,
und dazwischen Erholung ohne ständige Updates. Wer das schafft, merkt oft
schnell: Man ist nicht schlechter informiert, sondern ruhiger informiert.
Und genau darum geht es 2026: informiert bleiben, ohne im Dauerstress zu
leben.