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Arbeitswelt im Wandel: Maßgeschneidertes New Work stärkt kritische Infrastruktur

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Widerstandsfähigkeit systemrelevanter Bereiche erhöht sich
durch Arbeitskultur, die Stabilität mit Flexibilität verbindet und
Menschen in den Fokus stellt.



New Work funktioniert – auch dort, wo es am schwierigsten erscheint:
Selbst in hoch regulierten und belasteten Arbeitsfeldern können innovative
Formen der Zusammenarbeit entscheidend dazu beitragen, widerstandsfähiger
zu werden, Fachkräfte zu binden und kritische Infrastrukturen langfristig
zu sichern. Dies zeigen die wissenschaftlichen Ergebnisse eines
bundesweiten Verbundprojektes mit Beteiligung der Universität Hohenheim in
Stuttgart. Dabei verstehen die Projektbeteiligten unter New Work weit mehr
als „nur“ Homeoffice und flexible Arbeitszeiten: Organisationen, die ihren
Beschäftigten Vertrauen, Mitsprache und Gestaltungsfreiheit einräumen und
gleichzeitig verlässliche Strukturen bieten, schaffen die Grundlage für
langfristige Attraktivität und eine nachhaltige Sicherung systemrelevanter
Arbeit, so die Forschenden. Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse wurden
in einem digitalen Handlungsleitfaden gebündelt, der frei online verfügbar
ist.

Kritische Infrastruktur wie Gesundheitswesen, Verwaltung, Brandschutz,
Sozialarbeit, Logistik oder Wasserwirtschaft bildet das Fundament des
gesellschaftlichen Lebens. Gleichzeitig leiden viele dieser Bereiche unter
Fachkräftemangel, hoher Arbeitsbelastung und strukturellen Engpässen.

Das bundesweite Verbundprojekt „New Work For Key Worker“ (NW4KW)
untersuchte zwei Jahre lang, wie sich Arbeitsbedingungen in
systemrelevanten Bereichen nachhaltig verbessern lassen. Dabei arbeiteten
Wissenschaft, Praxis und Beratung eng zusammen, um neue Formen der
Zusammenarbeit zu erproben und Wege zu finden, die Widerstandsfähigkeit
kritischer Infrastrukturen zu stärken. Im Zentrum stand die Frage, wie New
Work dort umgesetzt werden kann, wo Homeoffice, freie Zeiteinteilung oder
mobile Arbeit kaum möglich sind.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts übernahm Caroline Ruiner,
Professorin am Fachgebiet Soziologie der Universität Hohenheim. Die
Ergebnisse zeigen, dass Veränderungen vor allem dort gelingen, wo
Führungskräfte neue Rollen übernehmen, Beschäftigte aktiv beteiligt werden
und Veränderungen gemeinsam entwickelt werden.

Studie zeigt: Zwischen Stabilität und Flexibilität vermitteln

In ihrer vor Kurzem erschienenen Studie befasst sie sich auf der Grundlage
von vierzig qualitativen Interviews mit Mitarbeitenden und Führungskräften
mit der Frage, wie Organisationen zwei scheinbar widersprüchlichen
Anforderungen ausbalancieren können: der Notwendigkeit, stabile Prozesse
und gleichzeitig Flexibilität zu gewährleisten, um auf unvorhergesehene
Ereignisse reagieren zu können.

„Gerade in der kritischen Infrastruktur sind viele Beschäftigte an strenge
Vorgaben gebunden und müssen dennoch flexibel reagieren“, beschreibt
Professorin Ruiner die Problematik.

„Diese Spannung kann durch sogenanntes Paradox Work bewältigt werden“,
erklärt die Soziologin. „Dabei geht es darum, scheinbar widersprüchliche
Anforderungen zu managen, die beide notwendig für den Erfolg sind, zum
Beispiel die Notwendigkeit von Stabilität und gleichzeitig von
Flexibilität. Sie erfordern eine ‚Sowohl-als-auch‘-Lösung, statt einer
‚Entweder-oder‘-Entscheidung. Organisationen werden widerstandsfähiger,
wenn sie diese paradoxen Anforderungen aktiv gestalten und Beschäftigte
dabei unterstützen, flexibel, vorausschauend und dennoch strukturiert zu
handeln.“

Kulturwandel statt Einzelmaßnahmen als Fundament der Resilienz

„Resilienz ist in systemrelevanten Bereichen kein statischer Zustand. Sie
entsteht vielmehr durch das Zusammenspiel individueller Handlungen und
organisationaler Rahmenbedingungen“, sagt Ruiner. Zentral sei die Frage,
wie Menschen ihre Arbeit erleben und ob sie in Entscheidungen einbezogen
werden, fasst die Expertin zusammen. „Menschen gehen dann gerne zur
Arbeit, wenn die Arbeitskultur Vertrauen schafft, Beteiligung ermöglicht
und Sinn stiftet. New Work braucht daher weit mehr als sichtbare Angebote
oder symbolische Gesten. Es ist ein umfassender kultureller Ansatz und
keine Sammlung punktueller Maßnahmen.“ Eine Tischtennisplatte im
Pausenraum sei kein Ausdruck von New Work, wenn sich niemand traue, sie zu
nutzen oder schlicht keine Zeit dafür habe.

New Work erfordere daher Räume, in denen Mitarbeitende ausprobieren
dürfen, in denen Fehler als Lernmoment verstanden werden und in denen
Führungskräfte Veränderungen aktiv ermöglichen. Moderne Führung braucht
vor allem Offenheit, geteilte Verantwortung und klare Kommunikation.
Entscheidend sei es deshalb, den realen Arbeitsalltag der Beschäftigten zu
berücksichtigen, dabei alle Beteiligten einzubinden und eine Arbeitskultur
zu etablieren, die Vertrauen, Verantwortung und kollegiale Zusammenarbeit
fördert.

Experimentierräume in systemrelevanten Organisationen

Das zeigen auch die Ergebnisse der Experimentierräume im Rahmen von NW4KW.
Das Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg, die Emschergenossenschaft &
Lippeverband in Essen, Glasfaser Ruhr in Bochum sowie der Freundeskreis
Mensch in Gomaringen erprobten über zwei Jahre hinweg in praxisnahen
Experimentierräumen neue Formen der Führung, Kommunikation und
Gesundheitsförderung. Ziel war es, praxistaugliche Lösungen zu finden, die
auch anderen Betrieben als Vorbild dienen können.

„Dabei geht es gar nicht um große Reformen, sondern um echte
Verbesserungen im Alltag. Das können beispielsweise strukturierte
Schichtübergaben, gemeinsame Werte für die Teamarbeit oder mehr
Selbstorganisation im Pflegealltag sein“, so Professorin Ruiner.

Digitaler Handlungsleitfaden mit praxisnahen Hinweisen

Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse wurden in einem digitalen
Handlungsleitfaden gebündelt. Unter dem Titel „Startklar für New Work“
erhalten Organisationen praxisnahe Hinweise, wie moderne Arbeitskonzepte
auch in Bereichen eingeführt werden können, in denen Flexibilität
naturgemäß begrenzt ist.

Der Leitfaden soll dabei helfen, die richtige Balance zwischen Stabilität
und Veränderungsbereitschaft zu finden und liefert Werkzeuge, mit denen
sich diese Prozesse schrittweise in den Arbeitsalltag integrieren lassen.
Er kann hier heruntergeladen werden: https://nw4kw.de/wp-content/uploads
/250715_ddn_NW4KW-Handlungsleitfaden_Digital.pdf


HINTERGRUND: Projekt New Work For Key Worker (NW4KW)

Im Projekt New Work For Key Worker untersuchten zwei Jahre lang vier
Praxisorganisationen gemeinsam mit Projektbeteiligten aus Wissenschaft und
Beratung, wie New Work in systemrelevanten Bereichen funktionieren kann,
in denen ortsgebundenes Arbeiten, Schichtbetrieb und gesetzlich geregelte
Abläufe kaum Flexibilisierung zulassen.

Die Projektleitung übernahm das Berufsforschungs- und Beratungsinstitut
BIT e.V. Für den Forschungsteil war der Lehrstuhl für Soziologie der
Universität Hohenheim zuständig, für den Transfer und die
Öffentlichkeitsarbeit Das Demographie Netzwerk ddn. Unterstützt wurde das
Projekt von systemrelevanten Praxispartner:innen, darunter die Glasfaser
Ruhr GmbH in Bochum, die Emschergenossenschaft AöR in Essen, der
Freundeskreis Mensch e.V. in Gomaringen, das Hospital zum Heiligen Geist
Hamburg und die Feuerwehr Stuttgart.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) förderte das Vorhaben
im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Begleitet wurde
es durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).
Die Förderung betrug insgesamt rund 590.000 Euro, davon entfielen etwas
mehr als 160.000 Euro auf das Fachgebiet Soziologie an der Universität
Hohenheim unter der Leitung von Prof. Dr. Caroline Ruiner.

HINTERGRUND: Schwergewichte der Forschung

37,1 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler:innen der
Universität Hohenheim 2024 für Forschung und Lehre. In loser Folge
präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende
Forschungsprojekte mit einem finanziellen Volumen von mindestens 350.000
Euro für apparative Forschung bzw. 150.000 Euro für nicht-apparative
Forschung.

Mehr Schwergewichte der Forschung:
https://www.uni-hohenheim.de/forschungsprofil#c551144

Weitere Informationen

Website:
https://nw4kw.de/

Wie geht New Work in systemrelevanten Berufen? – Part 1: Ein Interview mit
Prof. Dr. Caroline Ruiner:
https://nw4kw.de/wie-geht-new-work-in-systemrelevanten-berufen/

Download Handlungsleitfaden:
https://nw4kw.de/wp-content/uploads/250715_ddn_NW4KW-
Handlungsleitfaden_Digital.pdf