Zum Hauptinhalt springen

Pflanzaktion: Neue Agroforst-Versuchsfläche für Lehre und Forschung

Pin It

Studierende, Forschende und Beschäftigte helfen ehrenamtlich mit, das
Thema Agroforst an der Universität Hohenheim voranzutreiben.
Startschuss für ein langfristiges Projekt: Zwei Tage lang verwandeln
Freiwillige ein Feld am Meiereihof der Universität Hohenheim in Stuttgart
in eine neue Agroforst-Versuchsfläche. Für den ersten Baum – eine
Esskastanie – fasst auch die Fakultätsleitung mit an. Die Fläche ergänzt
den bestehenden Agroforst-Standort und schafft ideale Voraussetzungen für
praxisnahe Forschung und Lehre.

Agroforstsysteme erleben derzeit einen
Boom, da sie das Potenzial haben, landwirtschaftliche Produktion an den
Klimawandel anzupassen und gleichzeitig Biodiversität zu fördern.

Rund 30 Freiwillige, ausgerüstet mit Gummistiefeln und Spaten, stapfen
über ein noch leeres Feld. In ihrer Hand: junge Bäume und Sträucher – 150
Esskastanien, Apfelbäume und Haselnüsse. Sie sollen in den nächsten zwei
Tagen auf dem Meiereihof der Universität Hohenheim ihr neues Zuhause
finden.

Die Pflanzaktion mit Studierenden und Beschäftigten, initiiert von der
Koordinationsstelle Agroforstsystem-Forschung (kAFo), schafft eine neue
Agroforst-Versuchsfläche. Diese Anbaumethode erlebt derzeit eine
Renaissance: In Zeiten von Klimawandel und Artenschwund ist Resilienz
gefragt, und die Kombination von Bäumen mit Ackerbau, Sonderkulturen oder
Weidewirtschaft kann Landnutzungs-Systeme widerstandsfähiger machen.

„Insgesamt pflanzen wir auf rund sechs Hektar Versuchsfläche sechs
Baumreihen im Abstand von 30 Metern“, erläutert Michael Cormann,
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der kAFo. „Es gibt vier Varianten mit je
drei Wiederholungen, wobei in dreien unterschiedliche Frucht- und
Nussgehölze gepflanzt werden, eine Variante wird zum Vergleich ohne Bäume
angelegt“ ergänzt sein Kollege Olef Koch.

Vernetzung und Wissenstransfer

Beim ersten Baum gibt es tatkräftige Unterstützung aus der Leitung der
Fakultät Agrarwissenschaften: Dekan Ralf Vögele setzt die erste
Esskastanie an ihren neuen Platz. „Nicht nur in Hohenheim ist das Thema
Agroforst von zunehmender Bedeutung, in der Forschung ebenso wie in der
Lehre“, hebt er hervor. „Die Koordinationsstelle ist ein gelungenes
Beispiel für Vernetzung und Kooperation, unter anderem mit der Universität
Freiburg. Deren Schwerpunkt im Bereich Forst- und Umweltwissenschaften
ergänzt sich perfekt mit unserer agrar- und ernährungswissenschaftlichen
Expertise.“

Auch Michael von Winning von der Eva Mayr-Stihl Stiftung freut sich: „Die
Versuchsfläche ist ein bleibendes Erbe der kAFo, das diese der Universität
Hohenheim hinterlässt – neben einer ganzen Reihe von Forschungsprojekten,
die mit Hilfe der kAFo eingeworben wurden, und neuen Ansätzen in der
Lehre.“ Die Stiftung hat die kAFo seit Februar 2023 mit 260.000 Euro
gefördert. Seitdem hat diese weitere Drittmittel in Höhe von über
1.800.000 Euro für die Universität Hohenheim eingeworben.

Campus-nahe Fläche ermöglicht Ausbau der Lehre zu Agroforst

Ein großer Vorteil der neuen Fläche ist die Campus-Nähe, besonders für die
Lehre. Ein Lehrmodul im Master-Studium, „Agroforstsysteme Mitteleuropas“,
gibt es bereits seit zwei Jahren. „Es ist immer voll belegt“, berichtet
Cormann.

Nun soll die Lehre in diesem Bereich weiter ausgebaut werden – von
Angeboten für Abschlussarbeiten bis hin zu studentischen
Forschungsprojekten. „Mit der neuen Fläche erfahren die Studierenden nicht
nur, wie Agroforst aussehen kann, sie fühlen auch den Unterschied zum
freien Feld. Sie können Biodiversitätsuntersuchungen durchführen und das
Anwachsen der Bäume begleiten. Methodische Kenntnisse lassen sich auch auf
der jungen Fläche praktisch vertiefen.“

Neue Agroforst-Versuchsfläche ergänzt bestehende Fläche am Ihinger Hof

Die neue Fläche ist eine langfristige Investition, erste Effekte der
Baumreihen auf die Ackerstreifen erwartet Olef Koch erst in 5-10 Jahren.
„Wir haben im vergangenen Jahr einen wahren Schatz am Standort Ihinger Hof
unserer Versuchsstation Agrarwissenschaften entdeckt: Dort schlummerte
eine der ältesten Agroforst-Versuchsflächen Deutschlands im
Dornröschenschlaf. Die Flächen waren in Vergessenheit geraten, doch
routinemäßig weiter beprobt worden – 17 Jahre lang. Diese Daten sind für
uns nun von enormem Wert.“

Forschende wie Sven Marhan, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet
Bodenbiologie an der Universität Hohenheim, nutzen diese Daten – und
freuen sich gleichzeitig über die neuen Möglichkeiten. „Die bestehende
Fläche am Ihinger Hof eignet sich hervorragend für Bestandsaufnahmen, doch
es gibt keine Rückstellproben. Jetzt können wir die aktuelle Entwicklung
einer Neupflanzung über die Zeit verfolgen.“

Marhan untersucht unter anderem die Auswirkungen auf den Humusgehalt des
Bodens und die Biodiversität. Und in der Tat sprechen bei der alten
Agroforst-Fläche die Langzeiteffekte für sich: „In den Agroforst-Streifen
hat sich die Zahl der Regenwürmer und die mikrobielle Bodenmasse seit 2008
mehr als verdoppelt. Und wir beobachten tendenziell mehr Laufkäfer in den
Gehölzstreifen.“

Ähnlich positive Auswirkungen zeigen sich bei den klimarelevanten Gasen:
„Durch den höheren Humus-Gehalt wurden rund 31,5 Tonnen klimarelevantes
Kohlendioxid im Boden gebunden. Der Gehölzstreifen wird nicht gedüngt,
weshalb er weniger Lachgas emittiert. Und die Methan-Aufnahme ist
ebenfalls höher in diesem Bereich.“

Vielversprechende erste Ergebnisse – und hoher Forschungsbedarf

All diese ersten Ergebnisse sind vielversprechend. „Doch die Forschung
muss zum Thema Agroforst noch viele Fragen beantworten“, gibt Cormann zu
bedenken. Neben den Gasemissionen und Fragen der Biodiversität geht es zum
Beispiel auch um Auswirkungen auf das Mikroklima, um Wind- und
Bodenerosion oder den Einfluss auf Schadorganismen.

Und als Sahnehäubchen kommen noch die ganz besonderen Forschungsfragen
dazu: „Eine der Gehölz-Kombinationen pflanzen wir nicht bei der
Pflanzaktion, sondern erst im nächsten Jahr“, verrät Cormann. „Denn die
kombinierte Variante mit Esskastanie und Hasel werden wir vorab erst noch
mit Trüffel beimpfen.“

HINTERGRUND: Koordinationsstelle Agroforst-Systemforschung

Die Koordinationsstelle Agroforstsystem-Forschung (kAFo) an der
Universität Hohenheim ist ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen und
Akteuren aus der Praxis rund um das Thema Agroforstsysteme in
Südwestdeutschland. Seit dem Frühjahr 2023 identifiziert sie Hemmnisse bei
deren Etablierung und Wissenslücken. Sie übersetzt diese in
Forschungsfragen, die eine Grundlage für zukünftige
Forschungskooperationen darstellen. Mit der Universität Freiburg verbindet
sie ein Memorandum of Unterstanding, das die enge Zusammenarbeit im
Bereich Agroforst besiegelte. Die Koordinierungsstelle wird durch die Eva
Mayr-Stihl-Stiftung bis April 2026 gefördert.

Mehr Infos
Koordinationsstelle Agroforst-Systemforschung: https://kafo.uni-
hohenheim.de