Ein Schreibtisch mit Geschichte
Eine neue Ausstellung ist seit Kurzem im Zentrum für Geschichte der
Psychologie der Universität Würzburg zu sehen. Sie bietet interessante
Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte – und glänzt mit einem besonderen
Ausstellungsstück.
Hermann Ebbinghaus (1850-1909) gilt als Pionier der Gedächtnisforschung.
In aufwändigen und disziplinierten Selbstversuchen mit sinnfreien Silben
hat er das Lernen, Erinnern und Vergessen erforscht. Er ebnete damit den
Weg für die experimentelle Erforschung des Lernens und des Gedächtnisses,
und die von ihm ermittelte Gedächtniskurve machte ihn in aller Welt
berühmt und hat bis heute Bestand.
Wer mehr über die Anfänge der Psychologie als experimenteller Wissenschaft
erfahren und sich ein Bild von den Methoden, Apparaten und Grundlagen
wissenschaftlichen Arbeitens am Ende des 19. Jahrhunderts machen möchte,
hat jetzt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) dazu
Gelegenheit. Dort wurde am 26. Mai 2023 im Zentrum für Geschichte der
Psychologie die neue Ausstellung „Das Gelehrtenzimmer“ eröffnet.
Großes Entgegenkommen der Familie Ebbinghaus
In ihrem Mittelpunkt steht ein besonderer Schreibtisch: der
Originalschreibtisch von Hermann Ebbinghaus. Dass das Möbelstück als
jüngster Zuwachs jetzt die Würzburger psychologiehistorische Sammlung
ergänzt, ist der Initiative von Professor Armin Stock, dem Leiter des
Zentrums für Geschichte der Psychologie, und dem großen Entgegenkommen der
Familie Ebbinghaus zu verdanken.
„Der wissenschaftliche Nachlass von Hermann Ebbinghaus wird bereits im
Archiv des Zentrums bewahrt und der Forschung zugänglich gemacht“, erklärt
Stock. Als er die Idee für die neue Ausstellung hatte und deshalb in
Kontakt mit der Familie Ebbinghaus trat, sei man sich schnell einig
geworden, dass der Schreibtisch dauerhaft als Schenkung in die bedeutende
Sammlung aufgenommen werden sollte.
Authentischer Einblick in ein Gelehrtenzimmer
Mit dem Schreibtisch im Zentrum bietet die neue Ausstellung nun einen
authentischen und detailreichen Einblick in ein „Gelehrtenzimmer“ aus der
Frühphase der experimentellen Psychologie. „Es ist zwar die flächenmäßig
bislang kleinste Ausstellung des Zentrums, aber nichtsdestotrotz eine
inhaltlich sehr dichte“, erklärt Armin Stock. „Zunächst meint man mit
einem Blick alles zu erfassen, aber dann kommen nach und nach immer neue
Entdeckungen, und kleine Details eröffnen sich den Besucherinnen und
Besuchern.“
Wer anfangs den Eindruck von einem „Sammelsurium“ hat, wird schnell
bemerken, dass die Zusammenstellung wohl überlegt kuratiert wurde und bis
ins Detail historischen Vorbildern folgt. „Fast alle Möbelstücke, die die
Exponate tragen, sind Originale ihrer Zeit aus der Psychologie. Aus dieser
Ganzheitlichkeit der Ausstellung ergeben sich nicht nur historisch
interessante Einblicke, sondern es entsteht auch die ganz eigene
Atmosphäre eines ‚Gelehrtenzimmers‘“, erklärt Armin Stock.
Erste Präsenzausstellung nach langer Pause
Mit der Ausstellung „Das Gelehrtenzimmer“ meldet sich das Zentrum für
Geschichte der Psychologie nach einer langjährigen Umbauphase und einer
coronabedingten Pause in der Öffentlichkeit zurück. Zwar hatte das Zentrum
in der Hochphase der Corona-Pandemie erstmals eine umfangreiche
multimediale virtuelle Ausstellung gestaltet, aber in einer solchen
Ausstellungsumgebung „verliert man den Kontakt zum Besucher“, klagte Armin
Stock bei der feierlichen Eröffnung im Beisein zahlreicher Ehrengäste am
26. Mai 2023. Dabei sei ihm und seinem Team am Zentrum für Geschichte der
Psychologie dieser persönliche Kontakt wichtig. Nur bei geführten Touren
durch die Ausstellung könne man individuell auf die Besucher eingehen und
somit „viel mehr Wissen vermitteln“.
Grußwort des Unipräsidenten
„Für die Psychologie habe ich immer Zeit!“: Mit diesen Worten ließ der
Psychologe und mittlerweile auch Unipräsident Paul Pauli sein Grußwort
beginnen. Auch er betonte die Bedeutung von Ebbinghaus‘ Forschung bis in
die heutige Zeit. Schließlich erfahre die Forschung am Gedächtnis in
Anbetracht einer stetig älter werdenden Gesellschaft und einer Zunahme an
Demenzerkrankungen eine wachsende Bedeutung, wie der Unipräsident betonte.
Die Ausstellung liefert nach Paulis Worten die Chance auf eine
„wissenschaftshistorische Zeitreise“ und „Einblicke in eine vergangene und
äußerst produktive Phase der Psychologie“. Das Zentrum für Geschichte der
Psychologie stelle damit erneut seine hohe Bedeutung für die
wissenschaftsgeschichtliche Forschung unter Beweis; als mindestens
europaweit einzigartige Institution sei es ein „internationales
Aushängeschild“ für die Universität Würzburg.
Besuch nur mit Termin
Ein Besuch der Ausstellung „Das Gelehrtenzimmer“ ist nur nach vorheriger
Terminvereinbarung möglich. Führungen können unter
oder telefonisch unter T: +49 931 31-88683 vereinbart werden.
