Zuckersteuer-Debatte: Was Mediziner über zuckergesüßte Getränke und Typ-2-Diabetes wissen
Wer regelmäßig zuckergesüßte Getränke trinkt, hat ein höheres Risiko,
nicht nur Übergewicht, sondern auch Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Das
zeigen große Beobachtungsstudien, unabhängig von der aktuellen politischen
Diskussion über eine Zuckersteuer. Zucker ist allerdings nur ein Faktor
unter mehreren: Auch genetische Veranlagung, vor allem aber eine zu hohe
Energiezufuhr und Bewegungsmangel, beeinflussen das Risiko für
Typ-2-Diabetes. Prof. Dr. Michael Roden, wissenschaftlicher
Geschäftsführer des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) und Diabetologe des
Universitätsklinikums Düsseldorf, ordnet die Studienlage ein und sagt, was
jede und jeder tun kann.
Die aktuelle politische Diskussion über die Einführung einer Zuckersteuer
rückt die gesundheitlichen Folgen zuckergesüßter Getränke erneut in den
Mittelpunkt. Ob eine solche Steuer das geeignete politische Instrument
ist, um den Zuckerkonsum in der Bevölkerung zu reduzieren, ist auch
Gegenstand einer gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte. Aus
medizinischer Sicht lässt sich festhalten: Ein hoher Konsum zuckergesüßter
Getränke wie Softdrinks oder Energy Drinks steht mit einem erhöhten Risiko
für Übergewicht und Typ-2-Diabetes im Zusammenhang. Auch Fruchtsäfte
enthalten viel Zucker und sollten daher nur in geringen Mengen getrunken
werden.
Darauf weisen das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) und das
Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) anlässlich der aktuellen Debatte
hin.
„Ein hoher Konsum zuckergesüßter Getränke ist aus gesundheitlicher Sicht
bedenklich. Wer regelmäßig zuckergesüßte Getränke statt Wasser trinkt,
nimmt zusätzliche Kalorien zu sich. Ein langfristiger Kalorienüberschuss
kann zu Übergewicht führen, was zu den wichtigsten Risikofaktoren für
Typ-2-Diabetes zählt“, erklärt Prof. Dr. Michael Roden, Direktor der
Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am UKD und wissenschaftlicher
Geschäftsführer des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ). „Ein erhöhter
Konsum von Fruchtzucker (Fruktose) fördert zudem die Entstehung einer
metabolischen Fettlebererkrankung.“
Ein halber Liter Cola – rund 18 Stück Würfelzucker
Wie schnell durch Getränke eine erhebliche Menge Zucker zusammenkommen
kann, zeigt ein einfaches Beispiel: Ein halber Liter herkömmlicher Cola
enthält rund 210 kcal und 53 Gramm Zucker. Das entspricht etwa 18 Stück
Würfelzucker à drei Gramm.
Ergebnisse großer internationaler Beobachtungsstudien und Metaanalysen
zeigen, dass Personen, die regelmäßig zuckergesüßte Getränke konsumieren,
ein höheres Risiko haben, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Dabei spielen
vermutlich vor allem die zusätzliche Energieaufnahme und eine mögliche
Gewichtszunahme eine Rolle, aber auch ungünstige Folgen für den
Stoffwechsel, etwa eine schlechtere Wirkung des Hormons Insulin im Körper.
Folgeerkrankungen sind häufig bei Typ-2-Diabetes
Typ-2-Diabetes entwickelt sich meist über Jahre bis Jahrzehnte, häufig
über Vorstufen wie eine zunehmende Insulinresistenz und einen erhöhten
Blutzucker (Prädiabetes). Zuckergesüßte Getränke sind dabei aber nur ein
Faktor unter vielen. Das Risiko wird ebenso von Übergewicht, vor allem
vermehrtem Bauchfett, von Bewegungsmangel, Alter und auch fettreicher
Ernährung beeinflusst.
Welche Folgen ein Typ-2-Diabetes langfristig haben kann, sieht man am
Universitätsklinikum Düsseldorf im klinischen Alltag. Ein über längere
Zeit unzureichend eingestellter Blutzuckerspiegel schädigt Blutgefäße und
Nerven. Zu den möglichen Folgeerkrankungen gehören Herz-Kreislauf-
Erkrankungen, Schlaganfälle sowie Nieren-, Augen- und Nervenschäden.
„Natürlich führt nicht eine einzelne Limonade zu Typ-2-Diabetes und seinen
Folgeerkrankungen. Aber der regelmäßige Konsum zuckergesüßter Getränke
erhöht das Risiko. Und damit sprechen wir über gesundheitliche Folgen, die
in vielen Fällen vermeidbar wären“, betont Prof. Roden.
Die gute Nachricht: Bereits einfache Veränderungen im Alltag können
helfen, die Zuckeraufnahme erheblich zu reduzieren. Wer zuckergesüßte
Getränke regelmäßig durch Wasser oder ungesüßten Tee ersetzt, kann ohne
großen Aufwand beträchtliche Mengen Zucker einsparen und schont dazu noch
den Geldbeutel. „Die beste Prävention für Typ-2-Diabetes und
Folgeerkrankungen ist, vermeidbare Risiken möglichst früh zu reduzieren“,
rät Prof. Roden.
Zuckersteuer ist ein Baustein unter mehreren
Ob eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke das Konsumverhalten tatsächlich
verändert und langfristig zu weniger Diabeteserkrankungen führt, ist
wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt: „Erste internationale
Erfahrungen zeigen positive Effekte auf den Zuckergehalt von Getränken,
das Kaufverhalten und einzelne Gesundheitsindikatoren. Ein langfristiger
Rückgang der Diabetes-Neuerkrankungen infolge einer solchen Steuer ist
dagegen bislang nicht ausreichend belegt. Deshalb muss sie von einer
professionellen Evaluierung und Analyse begleitet sein“, gibt Prof. Roden
zu bedenken. Zudem kann die Zuckersteuer nur ein Baustein unter mehreren
sein, etwa neben einer Einschränkung der an Kinder und Jugendliche
gerichteten Werbung sowie einer umfassenden Ernährungsstrategie.
Düsseldorfer Forschung untersucht die Entstehung und Folgen des Diabetes
Wie Diabetes entsteht, warum die Erkrankung bei unterschiedlichen Menschen
verschieden verläuft und welche Faktoren das Risiko schwerer
Folgeerkrankungen beeinflussen, gehört zu den zentralen
Forschungsschwerpunkten des Deutschen Diabetes-Zentrums, des
Universitätsklinikums Düsseldorf und der Heinrich-Heine-Universität.
Unter der Leitung von Prof. Roden untersucht die Deutsche Diabetes-Studie
(GDS) Menschen mit neu diagnostiziertem Diabetes über 20 Jahre hinweg. Die
Studie identifizierte Subtypen, also Untergruppen des Typ-2-Diabetes, die
bereits bei Diagnose erkennbar und durch unterschiedliche
Krankheitsverläufe gekennzeichnet sind. Ziel ist, in Zukunft die Vorsorge
und Behandlung individueller gestalten zu können.
