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Die politische Spaltung ist noch nicht so tief, wie sie oft erscheint

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Konfliktforscher Prof. Dr. Nils-Christian Bormann von der Uni
Witten/Herdecke über Kriege, die Belastbarkeit der Demokratie und die
Frage, warum Deutschland mehr internationale Perspektiven braucht.

•       Politischer Streit gefährdet nicht automatisch die Demokratie
•       Rechtspopulismus könnte zur neuen Normalität in Europa werden
•       Als neuer Dekan setzt Bormann auf internationale Vernetzung

Deutschland ist politisch zerstritten. Aber ist das schon eine Gefahr für
die Demokratie? Konfliktforscher Prof. Dr. Nils-Christian Bormann von der
Universität Witten/Herdecke (UW/H) sagt: nein. Eine demokratische
Gesellschaft wie die deutsche könne viel Konflikt aushalten. Gefährlich
werde es, wenn Politiker die Gegenseite nicht mehr als gleichberechtigt
akzeptieren, mit Gewalt drohen oder Wahlergebnisse nicht anerkennen. Auch
wenn diese Grenzen in den letzten Jahren einige Male überschritten worden
sind, sieht er die politische Polarisierung noch nicht an einem Kipppunkt
angelangt.

Denn trotz aller Auseinandersetzungen gebe es in Deutschland weiterhin
einen breiten gesellschaftlichen Konsens über zentrale Werte. Die starke
Spaltung spiele sich derzeit vor allem in der Politik ab. Sie wirke zwar
in die Gesellschaft hinein, sei dort aber „noch nicht so tief, wie sie
medial manchmal gemacht wird“.

Auch starke politische Spaltungen können wieder kleiner werden, wie für
Bormann der Blick auf Deutschland in den 1970er-Jahren zeigt. Gleichzeitig
stellt er sich auf veränderte politische Verhältnisse in Europa ein: „Die
Präsenz und der Erfolg rechtspopulistischer Parteien ist vermutlich die
neue Norm in Europa.“

So viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr

Während Bormann die Spaltung innerhalb Deutschlands als nicht dramatisch
einstuft, macht ihm die internationale Entwicklung deutlich größere
Sorgen. Seit 1990 gab es im Schnitt ein bis zwei Kriege zwischen Staaten
pro Jahr. 2025 waren acht gleichzeitig aktiv – so viele wie seit dem
Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Zugleich sieht Bormann Deutschland und Europa politisch und wirtschaftlich
unter Druck: durch Russlands Versuche, demokratische Systeme zu
untergraben; den schärferen internationalen Wettbewerb und die rasante
Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen die alternde
Gesellschaft und der Klimawandel.

„Kein Land der Welt kann diese Krisen alleine bewältigen“, sagt Bormann.
Es brauche internationale Partner:innen und Perspektiven aus
unterschiedlichen Teilen der Welt.

Internationale Perspektiven für die Fakultät

Diesen Blick bringt Bormann nun auch in seine neue Aufgabe ein: Ab sofort
ist er Dekan der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der UW/H. Aus
seiner Forschung nimmt er dafür den analytischen Blick und „eine gewisse
Experimentierfreude gegenüber neuen Ideen“ mit.

Dabei sieht Bormann die Fakultät bereits gut aufgestellt. Vieles in
Forschung und Lehre gehöre „mit zu dem Besten, was eine Fakultät für
Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland anbietet“. Dazu zählt er die
wissenschaftliche Ausbildung, die enge Verbindung zur Praxis und eine
Interdisziplinarität, die Fächer nicht nur nebeneinanderstellt, sondern
gemeinsam an wichtigen Problemen arbeiten lässt. Studium soll für Bormann
zudem mehr sein als die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt: Es soll
Studierende auch in ihrer persönlichen Entwicklung prägen.

Darauf will Bormann aufbauen. Bestehende Partnerschaften sollen gepflegt,
neue hinzukommen – mit Unternehmen und Ideengeber in Deutschland ebenso
wie mit Universitäten und Institutionen weltweit. Zugleich soll die
Fakultät noch stärker ein Ort werden, an dem Menschen unterschiedlicher
Herkunft zusammenkommen und neue Ideen entwickeln.
Mit ihrer neuen englischsprachigen Dachmarke macht die UW/H ihren
internationalen Anspruch auch im Auftritt sichtbar. Sie unterstreicht
damit, dass die Universität sich selbstverständlich in einem
internationalen Wissenschafts- und Gesellschaftskontext bewegt und
Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Hintergründen zu sich einlädt.